Kultur : Kältekristalle

Das Emerson Quartet beim Musikfest Berlin.

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Wenn sich ein legendäres Ensemble nach 35 Jahren auf der Bühne neu erfindet, dann könnte das ein spannender Vorabend für das Musikfest Berlin werden. Das Emerson Quartet füllt den Kammermusiksaal spielend mit alten Anhängern und neugierigen Hörern. Sein Auftritt bildet den Auftakt zur kleinen, feinen Reihe aller Streichquartette von Béla Bartók, die sich kontrapunktisch zum Gipfeltreffen der großen Orchester durchs Festival zieht. Bartók war immer auch Kristallisationspunkt für die Quartettkunst der Emersons. Seit einem Dutzend Konzerten spielen die New Yorker in einer neuen Besetzung. David Finckel hat das kleine Podium verlassen, auf dem traditionell der Cellist sitzt, während seine Kollegen ihn stehend umringen. Das tun Philip Setzer, Eugene Drucker und Lawrence Dutton noch immer, während in ihrer Mitte mit Paul Watkins einer der leidenschaftlichsten britischen Kammermusiker Platz genommen hat.

Lauscht man ihrem Spiel, begreift man instinktiv, dass Balance nie festgehalten, immer wieder errungen sein will. Watkins’ Raffinement zieht seine Mitspieler mit Macht an. Einzig Duttons anschwellender Bratschenklang leistet noch Widerstand, der in einer mitunter gedrungenen Tiefe hörbar wird. Setzer und Drucker lösen sich nicht wie üblich am ersten Pult ab. Diese Praxis hat den Emersons die Fixierung auf ein von der Primgeige dominiertes Klangbild erspart. Doch sie fehlt auch an diesem Abend. Verblüfft bei Bartóks 2. Streichquartett noch die Homogenität des Quartettklangs, das scheinbar führungslose Eigenleben der Stimmen, klingen die Emersons bei Mendelssohns letztem Quartett op. 80 plötzlich oldfashioned: zu kalt, zu groß, zu metrisch, um der rasenden Verzweiflung Ausdruck zu verleihen. Bartóks 6. und letztes Quartett, ganz in „mesto“- Sätze getaucht, variiert die Traurigkeit: Zu ihrem Furor jedoch halten die Emersons Abstand. Berlin ist da längst andere Töne gewöhnt. Ulrich Amling

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