Kämpfe in Aleppo : "Das Erbe der Menschheit steht auf dem Spiel"

Anette Gangler war mehr als zehn Jahre an der Sanierung der historischen Altstadt von Aleppo beteiligt. Im Interview erzählt sie, dass die Kämpfe mehr als nur historische Gebäude zerstören.

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Stadtplanerin Anette Gangler
Stadtplanerin Anette GanglerFoto: privat

Sie haben bis zum Jahr 2010 bei der Sanierung der Altstadt von Aleppo vor Ort mitgearbeitet. Seit vier Wochen toben die Kämpfe nun auch in dieser Stadt. Was wissen Sie über die bisherigen Schäden?

Was der Bürgerkrieg für die Altstadt bedeutet, ist momentan noch schwer zu beurteilen. Ich halte Kontakt zu unseren Freunden vor Ort. Niemand hat mit einer solchen Eskalation gerechnet. Die Stadt wird aus der Luft bombardiert. Wir sind natürlich alle sehr besorgt und empfinden große Hilflosigkeit. Sicher ist, dass es bereits starke Zerstörungen in den so genannten informellen Stadtteilen gibt, also dort, wo sich in den letzten Jahrzehnten die Zuwanderer vom Land angesiedelt haben. Über 60 Prozent der Einwohner Aleppos lebt in solchen Vierteln an den Stadträndern.

Das Altstadtprojekt hat von Anfang an die Bewohner miteinbezogen ungeachtet von Religion oder ethnischer Herkunft. Was bedeutet der Bürgerkrieg für das künftige Zusammenleben in Aleppo?

Die größte Zerstörung für die Gesellschaft ist, dass Hass und Misstrauen wachsen. Ich habe die Offenheit und Gastfreundschaft in Aleppo immer als vorbildlich empfunden. Das Zusammenleben von den vielen ethnischen und religiösen Gruppen hat mich in Syrien immer sehr beeindruckt. Ich fürchte, dass dies nun gefährdet sein könnte.

Was ist die historische und kulturelle Bedeutung Aleppos?

Meine Faszination als Stadtplanerin für Aleppo hing immer zusammen mit der geschichtlichen Rolle dieser Stadt. Syrien und Aleppo waren stets ein Spannungsfeld zwischen den verschiedenen Mächten der Region – zwischen dem Hethiterreich, Mesopotamien und Ägypten, zwischen Byzantinern, Römern und Persern – oder denken Sie an das omayyadische Reich, die Osmanen sowie die französische Mandatszeit. Alle diese historischen Schichten finden sich in der Architektur und Struktur dieser Stadt wieder.

Was war das Ziel des Altstadtprojekts, welches die „New York Times“ einmal als das weitsichtigste Instandhaltungsprojekt des Nahen Ostens bezeichnet hat?

Aus den dreißiger und sechziger Jahren gab es Pläne, große Verkehrsachsen durch die Altstadt zu legen. Um weitere Zerstörung zu verhindern, hat auf Initiative engagierter Bürger aus Aleppo die Unesco die Altstadt 1986 zum Weltkulturerbe erklärt. 1994 wurde dann im Rahmen eines syrisch-deutschen Kooperationsprojektes mit der Arbeit begonnen. Wir haben ganz bewusst nicht nur die historischen Monumente instand gesetzt, sondern uns auch um die Wohnhäuser und die Infrastruktur gekümmert. Die Menschen haben Kredite bekommen, damit sie ihre Häuser instand halten können. Wichtig war auch die Schaffung öffentlicher Plätze, zum Beispiel im Herzen der Altstadt, im Umkreis der Zitadelle. Ein Treffpunkt, wo sowohl junge Frauen sitzen und ihre Wasserpfeife rauchen konnten, Touristen eine Verschnaufpause machen, oder syrische Familien unter Palmen picknicken.

Was kann die internationale Öffentlichkeit heute für Aleppo tun?

Dieser Bürgerkrieg ist eine ganz bittere Erfahrung. Wir können von Deutschland aus die Menschen unterstützen, die sich vor Ort für den Schutz der Kulturgüter einsetzen. Es gibt hier in Stuttgart den „Verein der Freunde der Altstadt von Aleppo“. Wir müssen der deutschen Öffentlichkeit bewusst machen, dass in Aleppo ein historisches Erbe der Menschheit auf dem Spiel steht.

Anette Gangler (62) ist Stadtplanerin an der Universität Stuttgart und hat die Sanierung der historischen Altstadt von Aleppo mehr als ein Jahrzehnt lang vor Ort begleitet. Sie ist Mitherausgeberin des Buches „Mein Aleppo“

 

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