Kultur : Kämpfen, nähen, tafeln Zu Gast: Judy Chicago, Ikone des Feminismus

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Foto: Mike Wolff
Foto: Mike Wolff

Kalifornien und die Machos der Sechziger haben Judy Chicago zu dem gemacht, was sie heute ist: eine Pionierin der feministischen Kunst. Als sie damals frisch von der University of California in Los Angeles kam, traf sie auf geradezu paradoxe Bedingungen: Auf der einen Seite herrschten in Los Angeles Freiheit und künstlerische Aufbruchstimmung, auf der anderen musste Chicago die schmerzvolle Erfahrung machen, dass Kuratoren sie bei Studiobesuchen ignorierten. Frauen waren im damaligen Kunstbetrieb entweder Gattin oder Groupie. Weiblichkeit und der Kampf für Gleichberechtigung stand noch gar nicht im Zentrum von Judy Chicagos Kunst. Sie arbeitete abstrakt-minimalistisch, lotete in Malerei und in Installation Formen und Farben in ihren Gegensätzen aus: Strenge und Weichheit, Spontaneität und Kontrolle.

Mit Beispielen dieser Frühphase ist Chicago nun nach Berlin gekommen. Gezeigt werden ihre Arbeiten sowohl im Martin-Gropius-Bau als auch in der von Galerist Juerg Judin zu Wohnhaus und privatem Ausstellungsraum umgebauten Tankstelle in Schöneberg. Dass sie nach all den Jahren des künstlerischen Kampfes für die Gleichberechtigung endlich in der Kunstgeschichte angekommen ist und die vibrierende Westküsten-Szene repräsentiert, ist für Judy Chicago eine Genugtuung.

Einen Wandel machte die Amerikanerin in den Siebzigern durch. Aus Protest gegen die männliche Dominanz gab sie sich ihren heutigen Künstlernamen und änderte ihren Stil. Die Kunst wurde explizit, figurativ. Sie engagierte sich für die Ausbildung junger Künstlerinnen, gründet zusammen mit Miriam Schapiro eine Klasse für feministische Kunst am California Institute of the Arts und das Gemeinschaftsatelier „Womanhouse“ in Hollywood. Für das „Birth-Project“ arbeitete sie mit 120 Näherinnen an textilen Bildern zumThema Geburt, das in der westlichen Kunst kaum vorkomme, wie sie findet. Feminismus bedeutet für Judy Chicago auch das Aufdecken von Machtverhältnissen. Dieser Ansatz führte sie nicht zuletzt zur künstlerischen Verarbeitung des Nationalsozialismus. Für die mehrteilige Rauminstallation „The Holocaust Project“ aus farbintensiven, friesartigen Wandteppichen, hat die jüdische Künstlerin mit ihrem Mann, dem Fotografen Donald Woodman, zusammengearbeitet. Mittlerweile lebt das Paar in Belen in New Mexico in einem umgebauten Hotel mit fünf Katzen.

Heute, sagt Chicago, sei es für Künstlerinnen einfacher geworden auszustellen. Sie wird dennoch nicht müde, die nächste Generation zu ermutigen, für die eigene weibliche Stimme einen künstlerischen Ausdruck zu finden. Chicago hält Vorträge und schreibt Bücher. Ihr bekanntestes Werk, die „Dinner Party“ von 1979, ist ein für 39 Frauen gedeckter Tisch in Dreiecksform: eine Tafel zu Ehren von mythologischen und historischen Figuren. Auf dem Fundament aus weißen Porzellankacheln stehen weitere 999 Namen. Chicago möchte nicht auf diese Arbeit reduziert werden. Und doch hat sie selbst dazu beigetragen, sie immer wieder in Erinnerung zu behalten – so lange, bis die Installation endlich eine permanente, institutionelle Bleibe gefunden hatte. Es war eine Lebensaufgabe. Seit 2007 ist die „Dinner Party“ im Brooklyn Museum in New York untergebracht. Anna Pataczek

Tankstelle Bülowstraße 18, 16. März bis 30 April, Mi-Sa 12-18 Uhr.

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