Kultur : Käsebrot statt Rosinen

Die Tanztage Berlin bieten zum Auftakt karge Kost

Sandra Luzina

Alle Jahre wieder dasselbe verblüffende Schauspiel: Wenn die Tanztage Berlin traditionell am 3. Januar das neue Jahr einläuten, findet ein reger Ansturm auf die Sophiensäle statt. Bei klirrender Kälte drängen sich Scharen junger Schwärmer vor dem Kassenhäuschen – sowie am provisorischen Glühweinstand, der ersten Anlaufstation. Ob alkoholisch befeuert oder schlicht erwärmt von der Hoffnung, hier die Talente von morgen zu entdecken – es ist ein freudig erregtes, enthusiastisches Publikum. Umso schlimmer, wenn der Wille zur Begeisterung dann so fatal enttäuscht wird, wenn kaum ein Funken künstlerischer Glut auf der Bühne auszumachen ist.

Peter Pleyer zieht erstmals die Strippen als neuer künstlerischer Leiter der Tanztage. Das Programm, das er für die Eröffnung zusammengestellt hat, war freilich unterirdisch. Geradezu blamabel für die Tanzstadt Berlin. Pleyer selbst hat sogar eine kleine Rolle übernommen: Wie ein Impresario, in schwarzem Mantel und mit dandyhaft drapiertem rotem Schal, geleitet er Susanne Martin am Ende ihres kurzen Solos von der Bühne. Martin hat mit „Rosi tanzt Rosi“ offenkundig mehr als eine Persiflage des belgischen Klassikers „Rosas tanzen Rosas“ im Sinn. Ihre Rosi ist eine Figur, die Verführung und Verfall vereint. Ihr Pagenkopf und das schwarze Kleid bilden einen Kontrast zur Altweibermaske. Ein Versuch über Schein und Sein, der immerhin neugierig macht. Doch den folgenden Arbeiten geht selbst der Charme des Etüdenhaften ab. Anna Melnikova begibt sich in „Thomas und Claire“ auf die Spuren des Mythos von Tristan und Isolde.Ein jugendlicher Wagner-Wiedergänger macht wirre Dirigierversuche, derweil seine Bühnengeschöpfe mit ihrem konfusen „Liebesversuch“ nerven. Von einem nebulösen Verlangen ist in dem Stück „In the Silence of Fruits“ des schwedischen Häst Duos die Rede, scheinbar wird es durch Früchte ausgelöst. Genaueres erfährt man nicht und wird stattdessen mit einem mageren Käsebrot-Video abgespeist.

Wenn Sara Mathiasson und Sofia Restorf dann als Tanzroboter durch das Stroboskop-Licht taumeln, ist das ebenfalls unbefriedigend. Die Stimmung: auf dem Gefrierpunkt. 26 Choreografen aus 11 Ländern werden sich noch vorstellen. Die Temperatur im Saal steigt hoffentlich wieder.Sandra Luzina

Tanztage Berlin, bis 16. 1. in den Sophiensälen. Infos: www.tanztage.de

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