Kästners Illustrator : Die Welt als Spielzeugschachtel

Walter Trier wurde mit seinen Illustrationen zu den Büchern von Erich Kästner bekannt. Jetzt ist eine Biografie über die "Bilderbuch-Karriere" des Malers und Zeichners erschienen. Eine Hommage.

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Sein berühmtestes Bild: Das von Walter Trier gezeichnete Cover zu Kästners Kinderbuch-Klassiker "Emil und die Detektive".
Sein berühmtestes Bild: Das von Walter Trier gezeichnete Cover zu Kästners Kinderbuch-Klassiker "Emil und die Detektive".Foto: Nicolaische Verlagsbuchhandlung

Eine leere Fläche von gleißendem Gelb. Oben ragt der Ausschnitt eines Geschäftshauses ins Bild, unten links erinnert eine Litfaßsäule daran, dass wir uns in einer Stadt befinden. Der ausgestorbene Platz könnte von De Chirico sein – wenn da nicht ein einzelner Mann mit Hut und schwarzen Anzug in Begleitung eines stocksteifen Schattens durchs Bild stolzierte, und hinter der Säule zwei Jungen hervorlugten. Sie tragen Mützen und sind vor Spannung in die Knie gegangen wie Skifahrer. Das Objekt ihrer Beobachtung, jener Mann, muss ein stolzer Gockel sein, denn er geht nicht nur aufrecht, der Zeichner hat ihm ein leichtes Hohlkreuz verpasst. Eine einzige klare, leicht geschwungene Linie von der Schuhsohle bis zum Hut fängt die überhebliche Dummheit, die Scheuklappenarroganz dieses Zeitgenossen ein und macht den Betrachter automatisch zum Komplizen der jungenhaften Verfolger.

Jeder, der Erich Kästners Kinderbuch „Emil und die Detektive“ gelesen hat, kennt auch dieses Buchcover des Illustrators Walter Trier. Trier, 1890 in Prag geboren und 1951 in Kanada gestorben, hat in den zwanziger und dreißiger Jahren viele Geschichten Kästners mit Zeichnungen ausgestattet, unter anderem auch die von „Pünktchen und Anton“. Seitdem spazieren Kästner und Trier selbst als unzertrennliches Paar durch die Literaturgeschichte. Der Ruhm war, zumindest in Triers Fall, aber auch Reduzierung. Denn Walter Trier, kaum noch als eigenständiger Künstler bekannt, der 1927, als die beiden sich auf Initiative der Weltbühnen-Verlegerin Edith Jacobsohn kennen lernten, war schon viel berühmter als der junge Kästner. Trier arbeitete als Presse-Illustrator und Satiriker, als Bühnenbildner, Animationsfilmer, sammelte daneben lustiges Spielzeug und spielte in seinem Wohnzimmer gern Tischtennis.

Liebevoller Spötter. Ein Porträt Walter Triers aus dem Jahr 1931.
Liebevoller Spötter. Ein Porträt Walter Triers aus dem Jahr 1931.Foto: Nicolaische Verlagsbuchhandlung

Walter Trier. Eine Bilderbuch-Karriere“, die Biografie von Antje Neuner-Warthorst erzählt nicht nur Triers Leben von der unkonventionellen Kindheit in Prag über die Berliner Jahre und das Londoner Exil bis zu seinen letzten Jahren in Kanada. Neuner-Warthorst versucht Trier auch kunsthistorisch zu rehabilitieren und stellt seinen „grotesken Realismus“ in die Tradition von Spitzweg und Honoré Daumier. Denn die Kunstgeschichte nahm Trier nie wirklich ernst. Selbst zu seiner Zeit galt er zwar schon als „Deutschlands größter Zeichenhumorist“, qualitativ auf der Höhe von Wilhelm Busch und Heinrich Zille, der über eine „Fülle schier unerschöpflicher Einfälle“ verfügte, wie es 1926 im seriösen „Kunstblatt“ hieß. Aber seine „seltene und große Gabe der Naivität“, sein Bemühen, „selbst dort, wo er eigentlich tragische Momente schildert, einen Weg zur Freude zurückzufinden“, ließen die Fachliteratur von „entzückenden Lustigkeiten“, von einer „harmlosen Freude eigentlich an allem“ sprechen. Der Verleger Robert Freund schrieb, was wiederum als großes Lob gemeint war: „Er liebte die Welt, so arg sie sein mochte, und macht sie zu seiner Spielzeugschachtel.“

Sein Elternhaus war eine Art Villa Kunterbunt

Diese Spielzeugschachtelweltliebe wuchs in Triers ungewöhnlicher Kindheit. Walter wird 1890 als jüngstes von sechs Geschwistern in ein wohlhabendes jüdisches Elternhaus geboren, das man sich als eine Art Villa Kunterbunt vorzustellen hat. Es herrschten geradezu paradiesisch antiautoritäre Zustände. Bis auf zwei Zimmer standen alle Räume des Patrizierhauses den Kindern als Spielplatz zur Verfügung. Die Eltern wurden beim Vornamen genannt und legten in ihrer Erziehung vor allem Wert auf Lebenslust. Max Brod, als Kind mit Walter befreunde, erinnert sich, dass die Trier-Kinder alles, was nur entfernt an „gute Manieren“ denken ließ, „mit grimmigem Hohne“ von sich wiesen. Einmal in der Woche brachte die Familie eine Zeitschrift, eine Art Satire-Postille heraus, in der man sich auf liebevolle Weise über alles und jeden lustig machte. Darin wird bereits Walters Begabung spürbar.

Schon im Alter von 15 beginnt er ein Studium an der Kunstakademie in Prag, 1908 wechselt er an die Münchner Akademie und bleibt als Schüler von Franz von Stuck noch den Ornamenten des Jugendstils verpflichtet. Nachdem Trier erste Zeichnungen im „Simplicissimus“ veröffentlicht, wird er mit einem aberwitzig hohen Angebot nach Berlin gelockt, um als Pressezeichner für „Die Lustigen Blätter“ zu arbeiten. Er heiratet Helene Mathews, eine forsche Person mit Bubikopf, 1914 wird Tochter Margarete geboren.

Das "Sportstadt Berlin"-Plakat von Walter Trier stammt aus dem Jahr 1914.
Das "Sportstadt Berlin"-Plakat von Walter Trier stammt aus dem Jahr 1914.Foto: Nicolaische Verlagsbuchhandlung

Die Familie bezieht ein Haus in Lichterfelde, in dem regelmäßig Kostümfeste stattfinden und in dessen Arbeitszimmer Walter Trier nun wie am Fließband Zeichnungen auch für die „Berliner Illustrierte Zeitung“, für „Uhu“ und das Magazin „Die Dame“ fabriziert und dabei seinen charakteristischen Stil entwickelt. Einerseits Reduktion, andererseits Ironisierung durch Aufwertung. Trier zeichnet etwa die Huren von der Friedrichstraße als feine Gesellschaftsdamen oder stattet Landstreicher und Diebe mit Würde aus, während zur gleichen Zeit Otto Dix oder George Grosz durch das Gegenteil – nämlich Verächtlichmachung – Wirkung erzielen.

Es ist etwas zutiefst Moralisches in Triers Blick, der die Ungerechtigkeit mit ihrer Benennung zugleich leichthändig aufhebt und damit perfekt mit dem jugendlichen Personal Erich Kästners harmoniert, das schließlich auch daran arbeitet, eine verrückt gewordene Welt wieder ins Lot zu bringen. Trotz der engen Arbeitsbeziehung waren die beiden übrigens nicht befreundet. Und während Kästner zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland bleibt, muss der Jude Walter Trier Ende 1936 über Paris nach London flüchten.

In London zeichnet er Flugblätter gegen Nazi-Deutschland

Denn so harmlos war Walter Triers Menschenliebe keineswegs. Aus seiner Kindheit kam nicht nur Offenheit und Wohlwollen, sondern auch der Spott. 1925 etwa sieht man auf dem Cover der „Lustigen Blätter“ sechs ältere Herren mit Hakenkreuz-Emblem auf dem lächerlich gestreiften Badeanzügen in knietiefem Wasser stehen und „Das Borkumlied“ singen. Der Fisch im Wasser zu ihren Füßen nimmt dann Triers eigenes Schicksal vorweg. Er sagt: „Um Gottes Willen, ich muss flüchten. Ich seh so prononciert aus.“

Die beiden Stränge seiner Arbeit setzen sich auch im Londoner Exil fort. Während Walter Trier für das Magazin „Lilliput“ auf Dutzenden Covern das „Pünktchen und Anton“-Motiv variiert oder romantische Illustrationen für Werbeschriften der Londoner Firma „Ladybird Kiddies Wear“ herstellt, zeichnet er im Auftrag des „British Ministry of Information“ auch Flugblätter gegen Nazi-Deutschland oder Karikaturen für britische Zeitungen. Eine heißt „Die Ingredienzien einer Hitlerrede“. Man sieht Hitler mit Kochmütze am Herd vor einem brodelnden Topf stehen. Neben ihm im Regal stehen die Gläser und Dosen mit den Zutaten: Menschenhass, Selbstbeweihräucherung, blutige Ironie, unverdaute Welthistorie und purer Schwindel.

Nach dem Krieg kommt Walter Trier nicht nach Deutschland zurück. 1947, in dem Jahr, in dem ihm das Ost-Berliner Satireblatt „Ulenspiegel“ ein Titelblatt widmet, wandert er mit seiner Frau 1947 nach Kanada aus, der Tochter hinterher. Er stirbt am 8. Juli 1951 an einem Herzschlag, nachdem er zuvor noch im amerikanischen Fernsehen mit eigenen Kasperlepuppen aufgetreten war.

„So hat Walter Trier sein Leben lang das Lächeln unter die Menschen gestreut“, schrieb Erich Kästner in seinem Nachruf. Dass ihm das noch heute gelingt, zeigen die vielen Illustrationen in dieser reichen, überfälligen Biografie.

Antje Neuner-Warthorst: Walter Trier Eine Bilderbuch-Karriere. Nicolaische Verlagsbuchbuchhandlung, Berlin 2013. 306 Seiten, 29,95 €.

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