Kultur : Käufliche Künstler

Bodo Mrozek

wundert sich über freundlichen Kapitalismus Die Worte Kapitalismus und Freundlichkeit stellt man sich im Allgemeinen eher als Gegensatzpaar vor. Kapitalismus, Übernahmen beweisen es, ist eine eher unfreundliche Angelegenheit. Wenn Kapitalisten freundlich lächeln, dann wollen sie uns wahrscheinlich irgendwas verkaufen. Oder etwa nicht?

Die Friendly Capitalism Lounge beweist das Gegenteil. Vor einigen Jahren zum Berlin-Beta-Festival von den bildenden Künstlern Jim Avignon und Fehmi Baumbach gegründet, marodiert sie durch wechselnde Orte, war in der Maria und im Jugendzentrum Würfel zu Gast. Was mit „Friendly Capitalism“ eigentlich gemeint ist, war bisher so genau nicht zu durchschauen. Es traten mehr oder weniger berühmte Musikdarbieter wie Erobique oder Françoise Cactus auf. Manche, wie der Hamburger Orgel-Derwisch Felix Kubin, kamen von weit her gereist. In einem Zelt konnte man gefilmte Interviews über die Liebe angucken. All dies gab es zum Taschengeldpreis, DJs inklusive.

Wenn die freundlichen Kapitalisten nun am 27.11. ab 21 Uhr im Haus Schwarzenberg (Rosenthaler Str. 39, Mitte) tagen, sind sie zweifellos am rechten Ort. Nach langem Kampf gewannen die dort ansässigen Künstler und Kulturinitiativen nebst Kino, Museum und Plattenladen das Haus mit Hilfe der Wohnungsbaugesellschaft Mitte und der Lottostiftung gegen einen umstrittenen Investor. Das verfallene Haus, einst Versteck für untergetauchte Juden, ist seitdem tatsächlich ein Symbol dafür, wie freundlich eingesetztes Kapital die hundertste Filiale irgendeines globalen Markenstores verhindern kann.

Da passen die Installationen des Multimediakünstlers Florian Thalhofer, der mit dem Autor Kolja Mensing Bremer Sozialbauwohnungen bereist hat. Die Monophonics spielen monophone Stoneslieder, unter den zehn DJs finden sich die Bungalow-Stars Le Hammond Inferno, Maria-Chef Ben de Biel und das omnipräsente Team Superclub. Die Kunst, darunter auch die Werke der Gastgeber und der Düsseldorfer Holzschnittkünstler von Revolver, ist ausnahmslos käuflich. Und so lässt sich der freundliche Kapitalismus auch ganz unideologisch begreifen: als vorgezogener Weihnachtsmarkt.

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