Kultur : Kaffee-Klappe hinterm Bahnhof

Die Hamburger Galerie Levy feiert ihren 40. Geburtstag – und die Berliner Dependance ihr erstes Jahr

Claudia Herstatt
Schaukasten. Thorsten Passfelds Objekt „Sad-Bag“, 2010. Foto: Dirk Masbaum/Levy Berlin
Schaukasten. Thorsten Passfelds Objekt „Sad-Bag“, 2010. Foto: Dirk Masbaum/Levy Berlin

Als Teenager reiste der Hamburger Bankiersenkel Thomas Levy nach Paris. Freunde der Eltern stellten ihn dort intellektuellen und künstlerischen Kreisen vor. Die Bekanntschaft mit dem Mitbegründer der New Yorker Dada-Bewegung Man Ray und dem nach Paris emigrierten Autor Paul Celan waren in diesen Jahren für Levy prägend. Die frühe Bewunderung für die Surrealistin Meret Oppenheim hielt über deren Tod 1985 hinaus: Ihr Nachlass wird von der Galerie Levy verwaltet und immer wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

2010 ist für Levy ein Anlass zum Feiern. Vor 40 Jahren hat er seine Galerie in Hamburg eröffnet und schenkt sich und den Besuchern die von der Kunsthistorikerin Belinda Grace Gardner kuratierte Ausstellung „Das Ohr von Giacometti“. 230 Objekte von 73 Künstlern stehen in schwarz verkleideten Kabinetten und beziehen sich auf die 1936 von André Breton organisierte Ausstellung „Exposition surréaliste d’objects“. Zu sehen sind Ikonen dieser Zeit im kleinen Format, die Zwiesprache mit Post-Surrealisten wie Rebecca Horn, Mariella Mosler, Gavin Turk, Mark Dion oder Horst Hellinger führen. Die 2009 eröffnete Berliner Dependance begeht in der Regie von Sohn Alexander Levy auf ihre Art den ersten Geburtstag: Der 1975 geborene Modellbauer und Bühnenbildner Thorsten Passfeld stellt den Bezug nach Hamburg her. Das sieht man auch hinter dem Hamburger Bahnhof. Dort hat der Künstler aus Fundhölzern eine Replik der legendären „Oberhafenkantine“ realisiert. Die 1925 eröffnete Kaffee-Klappe für die Schauermänner ist in der Hansestadt Kult.

„In Berlin haben wir ein junges Programm“, sagt Thomas Levy. Da haben Künstler wie der Baselitz-Schüler Daniel Mohr und Marc Lüders ihre Auftritte. Damit sich dies alles darstellen lässt, verlässt sich Levy längst nicht mehr auf seine Galerie und die Messeauftritte. Seit Jahren entwickelt er Ausstellungskonzepte inklusive Katalog, die er Museen mit kleinem Etat „schlüsselfertig“ anbietet. Und so touren seine Shows etwa zum Thema „Marilyn“ von Korea über Japan nach Griechenland. Für Mel Ramos als eine seiner cash cows, die Experimente erst ermöglichen, hat Levy eine Retrospektive in der Villa Stuck, der Albertina in Wien und Fernost organisiert. „Ob man seine Kunst schätzt oder nicht“, meint Levy, er sei doch ein großer Anreger für jüngere Künstler. „Und die Warteliste für seine Werke ist lang.“

Auch die anderen Künstler der Galerie, wie Pop Art-Pionier Allen Jones, Peter Blake, Daniel Spoerri oder C.O. Paeffgen, werden von Levy mit museumsreifen Schauen rund um den Globus geschickt. „In Hamburg in der Galerie zu sitzen und darauf zu warten, dass jemand vorbeikommt, funktioniert nicht mehr“, sagt er und setzt auf seine Wanderausstellungen und die Herausgabe und den Vertrieb von Katalogen.

Eigentlich hatte Thomas Levy am Handel an der Börse mit zwei Fernschreibern und einigen Telefonen als 17-Jähriger großen Spaß. Dazu bekam er eine Sondergenehmigung und war wohl der jüngste Dealer, der auf dem Parkett der Geldgeschäfte eine Zeitlang mitmischen durfte. Aber die Liebe zur Kunst gewann doch die Oberhand – erst im kleinen Versandhandel von Grafik, dann mit der Galerie immer mal wieder an einem anderen Ort in Hamburg. Gelassen blickt Levy über den norddeutschen Horizont hinaus. Wenn man ihn fragt, was ihm derzeit besonders am Herzen liegt, zögert er nicht: „2013 jährt sich der 100. Geburtstag von Meret Oppenheim. Da wird es eine große Retrospektive in Berlin geben.“ Als Kuratorin hat er die Schweizerin Bice Curiger gewonnen, die die nächste Biennale in Venedig ausrichtet. Keine Frage, dass auch diese Liebeserklärung an eine große Künstlerin anschließend auf Reisen geht.

Galerie Levy Hamburg, Osterstr. 6; bis 18. 2. 2011/Galerie Levy Berlin, Rudi- Dutschke-Str. 26; bis 23. 12. 2010 und wieder 4. 1.-8. 1. 2011, Di - Sa, 11 - 18 Uhr.

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