Kaiser Chiefs : Revolution im Platten-Laden

20 Stücke, zehn Lieblingslieder, ein Marketingtrick: Das Online-Album „The Future Is Medieval“ der britischen Band Kaiser Chiefs

Jochen Overbeck
Wollen keine Oktoberfest-Hits mehr schreiben.  Die Kaiser Chiefs aus Leeds. Foto: promo
Wollen keine Oktoberfest-Hits mehr schreiben.  Die Kaiser Chiefs aus Leeds. Foto: promo

Die Kaiser Chiefs waren einmal ein Versprechen. Eine Band, deren Namen man sich in Clubs zuraunte, die man als würdige Nachfolger von Britpop-Heroen wie Blur oder Oasis begriff. Die fünf Jungs aus Leeds hatten die richtigen Haarschnitte und waren gut angezogen. Vor allem aber schrieben sie zackige Popnummern wie „Oh my God“ oder „I Predict a Riot“. Einfach dechiffrierbar, einfach zu skandieren. Nun werden aber Versprechen in der Popmusik fast genau so oft gebrochen wie in der Liebe. 2007 veröffentlichten die Kaiser Chiefs ihre Hitsingle „Ruby“, die an Einfältigkeit kaum zu überbieten war. Der Refrain lautete: „Ruby, Ruby, Ruby, Ruby. Do you, do you, do you“. Damit beschallte die Band nicht mehr die Tanzflächen der Indie-Clubs, sondern Festzelte und Fankurven in Fußballstadien.

Sänger Ricky Wilson reagiert etwas säuerlich, spricht man ihn auf die öffentliche Wahrnehmung jenes Songs an. „’Ruby’ erzählt eine traurige Geschichte. Der Song handelt davon, dass es die schönsten Momente in einer Beziehung am Anfang gibt. Wenn man den Namen des anderen das erstmals hört “, sagt der 33-Jährige im Gespräch. Bockig fügt er hinzu, dass „Ruby“ inhaltlich auch auf das neue Kaiser-Chiefs-Album passen würde. Musikalisch allerdings nicht. Und das ist ein Glücksfall. Vier Jahre und zwei Alben nach „Ruby“ haben die Kaiser Chiefs wieder das gewisse Etwas. Die Gründe dafür sind zunächst technischer Natur: Um „The Future Is Medieval“ zu vermarkten, wählten sie eine neue Strategie: Sie komponierten 20 Nummern und stellten sie auf ihre Homepage. Für 7,50 Pfund kann der Fan zehn Songs auswählen, sie in eine ihm genehme Reihenfolge bringen, ein Artwork basteln und alles herunterladen. Möchte ein anderer Fan genau diese Version kaufen, zahlt die Band dem Kompilierer ein Pfund. Ein Provisionsprinzip, das freilich vor allem ein Gimmick zu sein scheint. „Einige zehntausend Mal“, so Wilson, habe sich die Platte verkauft.

Auch wenn nun eine physische, von der Band zusammengestellte Variante des Albums auf CD und Vinyl erscheint, fragt man sich: Warum das alles? Reine Promotion? Der unbedingte Wille, es allen Nörglern zu zeigen? Weder noch, sagt Wilson. Er habe die Spannung vermisst. „Wenn früher eine Platte deiner Lieblingsband erschien, war das ein besonderer Moment. Du hast darauf hingefiebert, bist am Erscheinungstag in den Laden gelaufen und hast Dich die ganze Rückfahrt darüber gefreut, die CD zu Hause sofort in den Player zu schieben. Wir wollten etwas von diesem Gefühl zurückholen.“

In der Tat macht es Spaß, auf der knallbunten Homepage der Kaiser Chiefs herumzuspielen. Die Lieder anzuhören, ein eigenes Mixtape zu basteln. Das funktioniert intuitiv, ohne allzu viele Klicks. Man glaubt Wilson gerne, wenn er erzählt, dass die Entwicklung der Homepage einen großen Teil des 18-monatigen Entstehungsprozesses von „The Future Is Medieval“ in Anspruch nahm. Als es daran ging, aus den 20 Liedern ein handfestes Endprodukt zu schnitzen, versuchte die Band, keinerlei Rücksicht auf die Downloads zu nehmen: „Wir haben kurz überlegt, die beliebtesten Songs auszuwählen. Aber wir merkten dann schon bei dem Song, der am meisten heruntergeladen wurde: Das passt einfach nicht. Das klingt wie wir vor fünf Jahren!“

„Problem Solved“ heißt jener recht eingängige Stampfer. Er wäre eine gute Single gewesen. Es ist den Kaiser Chiefs hoch anzurechnen, dass sie ihn zugunsten einer durchaus vorhandenen Stringenz fallen ließ. Das neue Album zeigt: Die Band bemüht sich 13 Stücke um ein neues Konzept. Eine angedunkelte Gesamtstimmung prägt das neue Material. Auf prägnante Refrains wird verzichtet, stattdessen schwellen die Gitarren an und ab, flirrt und fiepst es durch den Hintergrund. Im Fußballstadion oder gar auf dem Oktoberfest werden diese Stücke nicht mehr laufen. Um einen Zugang zu finden, muss man kratzen und schaben, die einzelnen Lieder regelrecht freilegen.

Für solche Bemühungen wird man belohnt. „Child of the Jago“ zeigt sich als Schleicher über die Londoner Slums des ausgehenden 19. Jahrhunderts, der durch eine flotte Twang-Gitarre seinen Dreh bekommt. „Coming up for Air“ ist ein zwischen den Zombies und Oasis oszillierendes Midtempo-Meisterstück. Und „When all is quiet“ hat Klavierläufe und Gesangsarrangements, für die so manch andere Band ihre Seele verkaufen würde.

Warum aber überhaupt eine CD erscheint, kann Wilson nicht wirklich erklären: Man wolle doch auch etwas in den Händen halten, da seien er und seine Kollegen altmodisch. Allerdings würde es auch keine Plattenfirma der Welt einer Band durchgehen lassen, den Tonträger-Markt komplett zu ignorieren – zumal einer Band, die einst Millionen CDs verkaufte. Trotzdem: Die Kaiser Chiefs scheren sich mit „The Future Is Medieval“ nur noch wenig um das Kulturgut Album. Das gefällt nicht jedem, ist aber ein mutiges Statement.

„The Future Is Medieval“ ist bei Universal erschienen. Auf www.kaiserchiefs.com können zehn Songs ausgewählt werden.

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