Kultur : Kakophonie der Großstadt

WETTBEWERB Bitte nicht drängeln: „Ping Guo“ erkundet das Lebensgefühl in Peking

Christiane Peitz

Erst bei diesem Film fällt einem auf, wie wenig Körper im Berlinale-Wettbewerb zu sehen waren. Viel Psycho,das ja, aber die Physis? Bei „Ping Guo“ (Lost in Beijing) von Li Yu ist das anders. Von der ersten Szene an heftet sich die DV-Kamera an die Fersen der jungen Ping Guo in der Boomtown Peking. Die Kamera klebt förmlich an der kleinen, schmalen Frau, drängelt sich dicht hinter ihrem Rücken, folgt ihr auf Schritt und Tritt. Und wenn Ping Guo mit ihrem Mann Sex unter der Dusche hat, dann sieht man nur Körperteile, Hintern und unreine Haut, Leiber, die sich hastig verknäueln und ineinander verheddern. Keine Zeit für erlesene Bildkompositionen.

Ping Guo und ihr Mann sind blutjung, fast noch Kinder, vom Land in die Metropole gezogen. Sie halten sich mühsam über Wasser, sie mit einem Job im Fußmassagesalon, er als Fensterputzer, der angeseilt vor Hochhausfassaden baumelt und in die Appartements der Geschäftsleute hineinschaut. Ihr eigenes Zuhause: ein mit Billigstmöbeln vollgestopftes Loch.

Ping Guo und An Kun, das Mädchen mit dem Porzellangesicht und der Analphabet mit dem schlichten, leicht reizbaren Gemüt: ein Paar, wie es sie zu Abertausenden in Peking gibt. Erschöpfte, unsichere Existenzen, Migranten in der Megacity, chinesisches Prekariat. Die Kamera versetzt den Zuschauer in die gleiche prekäre Situation, mit Reißschwenks, fahrigen Zooms, gezielten Unschärfen und taumelnder Optik, wenn die beiden zu viel Bier oder Reisschnaps getrunken haben. Dogma auf Chinesisch: Die dokumentarische Ästhetik entspricht den Pekinger Lebensumständen, die keine Distanz zulässt. Der Wohnraum ist eng in der Millionenstadt, deshalb klammert und krallt man sich buchstäblich aneinander. Das Leben, ein einziger Clinch.

Die reibenden, rubbelnden Hände der Masseurin. Der Frühsport der Salon-Angestellten, Powergymnastik zu Powermusik. Und bitte lächeln, befiehlt Lin Dong, Ping Guos geschäftstüchtiger Boss. Wang Mei, seine Frau, neigt sich über die teigigen Rücken der Kundschaft, denen sie Schröpfköpfe setzt. Die Erkältung ist trotzdem ansteckend: Wenn einer niest, niest gleich der Nächste. Und immer wieder schlägt der Sex in kindliche Balgerei um. Kein Wunder, wenn bei so viel Gerangel der Boss eines Tages über Ping Guo herfällt. Keine brutale Vergewaltigung, mehr ein alkoholisiertes Versehen, das der fensterputzende An Kun zufällig mitansehen muss. Seine Rache: ein per Fahrrad entführter Mercedesstern.

In diesem Moment kippt Li Yus Milieustudie fast in die Groteske. Ein seltsamer Stimmungswechsel, bei dem die 32-jährige Filmemacherin dennoch dafür sorgt, dass der Zuschauer nicht aus der Kurve fliegt. Ping Guo wird schwanger, keine Ahnung, ob vom Chef oder vom Ehemann. Der bärbeißige Lin Dong entdeckt seine väterlichen Gefühle, die beiden Männer schließen einen Pakt – und die Frauen werden gar nicht erst gefragt: Wenn das Kind vom Chef stammt, wird er es adoptieren. So geschieht es auch: Nach der Geburt leben alle vier eine Weile zusammen. Und obwohl Eifersucht, Neid, Erpressungsversuche und soziale Differenzen sie in skurrile Situationen verwickeln, gerät Melancholie in die Beziehungen. Das für den Wohlstand rackernde Mittelstandspaar, das unbedarfte Pärchen vom Lande: Ums Leben betrogen sind beide. Familienglück ist einfach nicht vorgesehen.

Zuletzt sitzen die Frauen am Babybett, jede für sich einsam und unglücklich – ein kurzer, trauriger Moment der Ruhe. Vor den Fenstern erstreckt sich das Chaos der Großstadt, mit kilometerlangen Autostaus, regenbogenfarbenen Neonlichtern, schmutzigen Gassen und den billigen Vergnügungen einer verspäteten, atemlosen Moderne. Nahaufnahme und Totale: Peking im Zeitraffer.

Angeblich waren es diese Szenen, die die Zensurbehörde auf den Plan riefen. Denn eigentlich gehört Li Yu zu jener jungen chinesischen Regie-Generation, die mit Hilfe der billigen, mobilen DV-Technik unabhängig von den großen Studios und an der Zensur vorbei Filme über die chinesische Gegenwart dreht. Bisher waren sie meist im Forum zu sehen; mit „Mona Lisa“ präsentiert auch das diesjährige Forum ein erschütterndes Alltagsdrama aus der chinesischen Provinz. Höchste Zeit, dass ein Film wie „Ping Guo“ auch mal im Wettbewerb läuft.

Dass Li Yu mit chinesischen Stars arbeitete – Tony Leung, Fan Bing Bing, Tong Da Wei und Elaine Jin –, hat die Aufmerksamkeit vielleicht zusätzlich erhöht: Unmittelbar vor Berlinale-Beginn wurden der Produktionsfirma Schnitte auferlegt. Zu unansehnlich schien den Zensoren das Peking-Panorama. Nun läuft „Ping Guo“ aber doch unzensiert in Berlin. Die Zeit war zu knapp, so die gestrige Mitteilung des Produzenten, um die gewünschten 53 Änderungen auszuführen und die um 15 Minuten kürzere Fassung fürs Festival neu zu untertiteln.

Zensur hin oder her: Das Lebensgefühl kann man nicht wegschneiden aus diesem Film, der nicht müde wird, Haut und Haar, Fleisch und Blut seiner rastlosen Helden zu erkunden.

Heute 12 und 18.30 Uhr (Urania), 22.30 Uhr (International)

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