Kultur : Kaktus und Jasmin

Das Goethe-Institut feiert mit Außenminister

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Staatsferne ist ein hohes Gut, besonders bei einer Institution, die vornehmlich vom Staat finanziert wird. Mit seinem unabhängigen, beweglichen Geist hat sich das Goethe-Institut weltweit einen hervorragenden Ruf erworben, und das gilt jetzt immer mehr für Länder, in denen die freie Entfaltung der Kunst Fremdwort und Straftatbestand ist. Als Export-Champion leistet sich die Bundesrepublik Deutschland eine auswärtige Kulturpolitik, die aufklärerisch wirkt und für Demokratie und eine ungehinderte Entfaltung des Individuums wirbt.

Die 60-Jahrfeier mit dem Festakt in der Berliner Gemäldegalerie hat gezeigt, warum die Arbeit des Goethe-Instituts auch im Inland verstärkt wahrgenommen wird. Es geht schlicht darum, wie die Bundesrepublik sich in einer dynamisierten Welt darstellt, wie das Land den großen Zukunftsfragen begegnet. Goethe-Präsident Klaus-Dieter Lehmann nennt „Diskursfähigkeit“ und „partnerschaftliches Arbeiten“ als Voraussetzungen der Erfolgsgeschichte.

In welchem Spannungsfeld all das stattfindet, ist in der Ansprache von Außenminister Guido Westerwelle und der Festrede des tunesischen Theaterregisseurs Fadhel Jaibi schlagartig deutlich geworden. Westerwelle sieht Deutschland im Sog der Globalisierung, die Bundesrepublik sei angewiesen auf Zuwanderung, „um den Wohlstand unseres Landes zu erhalten“. Daher müsse man in den „Wettbewerb um die besten Köpfe der Welt“ eintreten. Das Goethe-Institut als Instrument der Anwerbung von Eliten, als Guido-Institut? Der Außenminister sagt mit überraschender Deutlichkeit: „Wir wollen einladen, Brücken bauen“, Visa-Hürden seien dabei wenig hilfreich. Als er auf den arabischen Frühling zu sprechen kommt, redet sich Westerwelle in Begeisterung. Die Globalisierung globalisiere eben auch westliche Werte wie Freiheit und Demokratie. Wie sich die geplante Lieferung deutscher Leopard-Panzer an Saudi-Arabien mit den ministeriellen Frühlingsgefühlen verträgt, wird er noch erklären müssen.

Und dann springt Fadhel Jaibi ans Rednerpult, hält eine in jeder Hinsicht freie, mitreißende Rede. Jasminrevolution in Tunesien? Er würde die Bezeichnung „Kaktusrevolution“ vorziehen. Der Jasmin blüht nur kurz, der Kaktus ist haltbar, und er sticht. Der Diktator Ben Ali ist vertrieben, sagt Jaibi, der in den Tagen des Aufstands in Tunis dabei war, aber die Konterrevolution sei im Gange. „Wenn du dich nicht um Politik kümmerst, wird sich die Politik um dich kümmern“, lautet das Motto des an Brecht, Peter Weiss und Peter Handke geschulten Theatermannes; die Berliner Festspiele präsentieren im September seine Inszenierung „Yahia Yaich Amnesia“ von 2010, in der die revolutionären Ereignisse in der arabischen Welt vorweggenommen sind.

In einem flammenden Plädoyer bittet Jaibi die Goethe-Festversammlung, die versammelte Berliner Kulturwelt, um moralische und intellektuelle Unterstützung. Das Goethe-Institut müsse seine Anstrengungen vervielfachen, dafür soll die Bundesregierung seinen Etat verdoppeln und verdreifachen. Und er erinnert daran, dass er als Künstler Reisefreiheit genießen konnte. Viele junge Menschen aus Tunesien müssen aber „unter Lebensgefahr zu Ihnen kommen“, nach Europa. Von den Flüchtlingen auf Lampedusa hat Westerwelle nicht gesprochen, die bringen nur Probleme. Seine Weltoffenheit hat wohl doch Grenzen. An diesem warmen Sommerabend auf dem Kulturforum hängt er schönen Erinnerungen an Gespräche auf dem Tahrir-Platz nach. Dort befindet sich auch das Kairoer Goethe-Institut, ein wichtiger Anlaufpunkt für die ägyptische Freiheitsbewegung. Rüdiger Schaper

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