Kultur : Kaktus und Panther

ULRICH CLEWING

Seltsame Dinge geschehen auf den Leinwänden von Kai Teichert: Da balanciert ein Pandabär auf einem großen grünen Ball, den man mit etwas Phantasie getrost als Erdkugel interpretieren darf.Er wird beobachtet von einer Schildkröte in einer Vitrine, die auf einem neobarock geschwungenen Tischchen steht.Auf dem Glaskasten liegt ein schwarzer Panther und döst vor sich hin, rechts davon ein Kaktus in einem Blumentopf.Ein Mann in Blau hält ein buntes Tuch vor sich, er wendet sich einer zweiten Person zu.Dieser zweite Mann ist nackt, hat einen Hund an der Leine, der Hund betrachtet Andy Warhols "Marilyn": Das Bild lehnt verkehrt herum an einem Kinderwagen.Dies alles und noch einiges mehr spielt sich ab in einer weiten, leeren Ebene.Eine Bühne? Mag sein, muß aber nicht.Der Titel des Gemäldes jedenfalls gibt keinerlei Aufschluß: Er lautet schlicht "Land 6".

Nun könnte man es sich einfach machen, Teichert als einen späten Wiedergänger des Surrealismus abtun.Andererseits: Etwas an diesen Bildern sträubt sich gegen eine vorschnelle Einordnung in altbekannte Kategorien.Was das ist, ist schwer zu sagen.Vielleicht ist es die Stimmung, die von ihnen ausgeht: diese unwiderstehliche Heiterkeit, mit der Teichert spielerisch und auch ein bißchen selbstironisch die absurdesten Geschichten erzählt.Die Aura entrückter Leichtigkeit wird noch verstärkt durch die skizzenhafte, überaus kunstvolle Malweise.Sie erinnert an venezianische Capriccios aus dem 18.Jahrhundert - ein Zitat wie so viele andere in Kai Teicherts Bildern.

Der 1965 in Würzburg geborene Teichert ist mittlerweile Stammgast und Zugpferd des Kunstvereins Friedrichstadt.Seine aktuelle Ausstellung in der Chausseestraße ist die fünfte in fünf Jahren.Gezeigt werden ein rundes Dutzend Gemälde aus neuester Produktion sowie vier Porträtbüsten aus farbig bemalten Gips.Diese Büsten zeigen eine weitere Facette im Werk des 34jährigen Malers und Bildhauers.Dargestellt sind Freunde und Bekannte des Künstlers, Menschen wie du und ich, deren Identität zunächst einmal nichts zur Sache tut.

Denn was Teichert dabei interessiert, ist nicht eine möglichst realistische Wiedergabe der Abgebildeten.Vielmehr geht es ihm um den flüchtigen Augenblick, wo sich ein Geschehen, in diesem Fall der Charakter des Porträtierten, "auf den Punkt" bringen läßt.Teicherts Porträtköpfe, und so ergibt sich die Verbindung zu seiner Malerei, wirken wie Momentaufnahmen.Es sind Schnappschüße, die anstatt mit der Kamera mit Knetmasse und Spachtel hergestellt wurden.Man kann sie Gedankenbilder nennen: Eine Vision ist Materie geworden, auf ganz unspektakuläre Art.

Kunstverein Friedrichstadt, Chausseestraße 124, Dienstag bis Freitag 14-18 Uhr.

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