Kultur : Kalenderblätter: Die Zeit bewältigen, die Zeit überwältigen

Ronald Berg

Bei Hanne Darboven ist immer "heute". Es beginnt mit "-1-" und endet mit "-66-". Dazwischen das Jahr 1993, aufgeblättert in einem Kalenderbuch der Marke "idé". Alle Tage in diesem Buch hat die 59-jährige Hamburger Künstlerin, mit einer beständig aneinandergereihten Folge des Buchstabens "u" beschrieben. Bis auf die Umschlagseiten und die schon bedruckten Seiten sind die Blätter des Kalenders von dieser Wellenform ausgefüllt, inklusive der Adressrubriken, die Darboven jeweils - wie in einer Kopfzeile - mit "gedankenstrich(+e) oder "dash(+)es" überschrieben hat. Die aufgeschlagenen Doppelseiten des Kalenderbuches hat Darboven als Foto reproduziert und jeweils auf ein Blatt mit dem handschriftlichen Eintrag "heute" gebracht, so dass die insgesamt 70 Blätter des Buches die Wände der Galerie Klosterfelde fast gänzlich füllen. (Preis 250 000 Mark).

Der Titel "Diary" legt die Vermutung nahe, das Werk sei wirklich Tag für Tag im Laufe des Jahres 1993 entstanden. Die gleichmäßigen Schriftzüge lassen daran allerdings zweifeln. Entweder also liest man hier die Behauptung eines Tag für Tag geführten Tagebuchs oder buchstäblich die Spur von dessen Praxis. Was Darboven vorführt, ist in jedem Falle so etwas wie visualisierte Zeit, ein Art von Zeitspur, ob sie nun mit täglichen Unterbrechungen oder hintereinander fort notiert wurde, spielt keine Rolle.

Bei dieser Art von Bewegung kommt ein gattungsübergreifendes Element zum Zuge: Der Rhythmus, das Fließende. Darboven beteuert zwar inständig, ihre Zeichnungen seien Schrift, aber ebenso entschieden verweigern dieses Schriftbilder jeglichen inhärenten Sinn. Der rhythmische Zug der Linie und die Wiederholungen in leichten Variationen in den Takten, wie sie die Tagesspalten im Diary vorgeben, ist sowohl grafisches wie musikalisches Motiv, und natürlich auch ein poetisches. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Hanne Darboven auch komponiert - natürlich in der gleichen seriellen und minimalistischen Art und Weise.

Weniger mit Musik als mit Körpern beschäftigte sich Darboven in ihrem von Sol LeWitt beeinflussten Frühwerk. Es entstanden Konstruktionszeichnungen von geometrischen Körpern, später mathematische Zahlenfolgen. Letztlich aber spielten schon hier beide Arten der Notierung auf Verhältnisse an, die sowohl optisch wie akustisch interpretiertbar sind, so wie man in der Musik Johann Sebastian Bachs mathematische oder geometrische Figuren entdecken kann. Darbovens zeichnet also eigentlich virtuellen Partituren, die rhythmische Zeitabläufe im Raum notieren. Ein Beispiel ist der Jahreszyklus im Tagebuch.

Aber vielleicht mehr noch als die Repräsentation der Zeit im Raum, ist Darbovens "Schreiben" der Versuch einer Bewältigung der Zeit. Die (selbst)disziplinierende Beschäftigung, die Zeitkoordinaten im Raum zu befestigen, hat etwas Beruhigendes, vor allem aber etwas Produktives, vielleicht auch etwas Sinnloses. Aber nur vordergründig. Jemand der mit solcher Manie zu Werke geht, kann das nicht ohne Grund tun. Den Hinweis auf die Abgründe hinter den Gittern der Schrift liefert Darboven selbst: Die einzig lesbaren Worte von "Diary 1993" auf dem Titelblatt des Kalender lauten "Kreuzfahrt zur Hölle by George Morell". Der Titel erinnert an eine tiefe existentielle Krise, die die Künstlerin im Winter 1992/93 durchlitt. Aber der Hinweis bleibt wage. Darboven selbst schreibt "no comment" unter Morells Buchtitel. Das Werk ist ihr Kommentar. Aber hier gerät die Kunstkritik bereits weit auf das Terrain der Psychologie. Der "Fall Darboven" wäre ein anderes Thema.

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