• "Kalt ist der Abendhauch": Alte Liebe rostet nicht - Melancholisch, grotesk, klamottig: Der Film von Rainer Kaufmann

Kultur : "Kalt ist der Abendhauch": Alte Liebe rostet nicht - Melancholisch, grotesk, klamottig: Der Film von Rainer Kaufmann

Kerstin Decker

Zuerst ist es eine Schuhgeschichte. Und eine Schuhliebe. Weil das gar nicht anders geht in einer Schuhwelt. Der Alltagsverstand sagt leichtfertig: Er hat einen Schuhladen. Aber das stimmt fast nie. So ein Schuhladen hat immer uns. Er hat alle. Charlottes Vater, die Geschwister, Charlotte selbst.

Rainer Kaufmanns Anfang ist schön. Sehr schuhig. Und ganz anders als der Anfang im Original. In Ingrid Nolls "Kalt ist der Abendhauch"-Anfang blickt die schon etwas älter gewordene Charlotte (83!) nur ab und zu tief hinunter in die Schuhwelt ihrer Kindheit. Die alte Charlotte bekommt einen Brief, in dem sich ihre auch schon etwas älter gewordene Liebe (86) zu Besuch anmeldet. Sehr plötzlich, nach unzählbar vielen Jahren. Dann wären sie also zu dritt, überlegt Charlotte. Sie selbst, der 86-Jährige und die Schaufenster-Puppe. Die ist Charlottes Lebensgefährtin. Weil doch jeder einen Gefährten braucht. Der Ingrid-Noll-Anfang ist ein Puppenanfang.

Puppe oder Schuhe? Das ist hier die Frage. Puppen sind natürlich viel abgründiger als Schuhe. Und erst orthopädische Schuhe! Die sind eine Spezialität von Charlottes Vater, seit er im Krieg ein Bein verloren hat. Und ein bisschen sieht die junge Charlotte (Fritzi Haberlandt in ihrer ersten Kino-Hauptrolle) aus wie ein Kind, das orthopädische Schuhe trägt. So gesehen, ist Puppe besser. Schon spüren wir den doppelten Boden unter den, nunja, nicht wirklich aufregenden Ingrid-Noll-Sätzen. Sie braucht noch nicht mal bis vier zu zählen. Denn streng genommmen sind jetzt vier Mann im Haus. Die 83jährige, der 86jährige, die Puppe und die Leiche im Keller. Aber warum gleich Puppe und Leiche auf einmal vorstellen?, fragte sich Ingrid Noll und verschob das mit der Leiche. Die Frau kann Geschichten bauen.

Kann Rainer Kaufmann auch Geschichten bauen? Ja und nein. Das auf nachlässige Art vernichtende Wort "Literaturverfilmung" trifft hier nicht. Denn Kaufmann macht Charlottes Jugend so lebendig, wie sie bei Noll nicht ist. Charlotte verliebt sich in Hugo, den jungen Freund des Hauses. Dass er in Wirklichkeit der Freund ihrer Schwester ist, weiß Charlotte nicht. Noch ist sie das Mädchen, das auf die väterliche Frage an der Familien-Tafel, wen Hugo wohl heiraten werde, laut "Mich!" ruft. Und alle lachen darüber. Nun weiß sie also, dass sie keine Chance hat. Nein, falsch! Charlotte denkt: Wenn ihre Schwester, die künftige Braut, zum Beispiel umgehend am Kindbettfieber stürbe ... dann würde sie Hugo aufopferungsvoll trösten und dem Kinde ihrer Schwester eine gute Mutter sein.

Fritzi Haberlandt, die Newcomerin, spielt das mit äußerster Glaubwürdigkeit geradewegs aus einem Naturgrund herauf, an dem kleinliche moralische Erwägungen wie Schwesternliebe sowie Konventionen jeder Art abprallen. Sie trägt diesen Film. Und auch Kaufmann behauptet solch belebenden Amoralismus nicht nur, seine Bilder (Kamera: Klaus Eichhammer) machen ihn zur Atmosphäre des Films, seines ersten Teils. Amoralismus? Nein, nicht die Negation der Moral ist gemeint, sondern das vormoralische, das vitale Prinzip selbst. Das, was Leben trägt und Lieben und Geschichten wie diese.

Schauspieler in der Zeitblase

Es wird zur Gegenstimme der Geschichtenerzählerin. Denn es geht nicht ohne sie. So viel Chronologie. So viel Zeit. Dreißiger, vierziger, fünfziger Jahre - und die Gegenwart. Jedesmal baut Kaufmann einen Mikrokosmos, setzt Charlotte und Hugo in Zeitblasen, die die Off-Stimme verbinden muss. Leider haben solche Stimmen den seltsamen Ehrgeiz, uns zu erklären, was wir ohnehin sehen. Sie kommen aus der Tradition des Erziehungsromans. Sie sind Agenten der Moral, des Erwachsenwerdens. Doch dürfen gute Geschichten überhaupt erwachsen werden? Dürfen Lieben erwachsen werden? Wenn eine Liebe erwachsen wird, ist sie gewöhnlich weg. Diese hier erreicht nie die Volljährigkeit. Dazu wird sie zu oft unterbrochen.

Schon am Anfang, als Hugo (August Diehl) und Charlotte zusammen Schuhe verkaufen und Charlottes Vater in den Keller kommt. Gerade, als Hugo Charlotte in einer der Verkaufspausen "Moby Dick" vorspielt. Gewerbetreibenden, die "Moby Dick" lesen und am liebsten Dichter wären, hat Charlottes Vater schon immer misstraut, weshalb er die Kunst für eine besonders heimtückische Form des Wahnsinns hält. Das zweite Mal endet die noch uneingestandene Liebe durch Charlottes Heirat. Schließlich ist Hugo auch verheiratet. Und immer so weiter.

"Kalt ist der Abendhauch" ist eine Studie über das Verhältnis von Zeit und Zeitlosigkeit. Wir werden alt, unsere Liebe nicht. Kaufmann erkundet diesen eigentümlichen Tatbestand. Puppe und Leiche sind fast vergessen, der doppelte Boden auch. Aber dann muss doch noch die Leiche in den Keller: die dritte oder vierte Unterbrechung der Liebe. Eine danse macabre müsste es jetzt werden. Aber für diese Verbindung der Leidenschaft mit dem Grauen und dem Grotesken findet Kaufmann keine Bilder mehr. Das Spiel damit wird beinahe Klamotte. War nicht auch seine erste Noll-Verfilmung "Die Apothekerin" Konfektionsware, halb schauerlich, halb "Stadtgespräch"?

Das Schlimmste aber: Die Gravitation ist weg, die den Charlotte-Mond beständig um den Hugo-Planeten kreisen ließ und umgekehrt. Statt dessen spielt Heinz Bennent (Hugo mit 86) nun folgenden Noll-Satz mit Hingabe aus: "Er hört schlecht und will nicht mehr telefonieren, das weiß ich, und er trägt bei Gesprächen im allgemeinen ein Hörgerät. Vielleicht trägt er aber auch Windeln." Das ist sehr hübsch, aber sollte der unkindliche Ernst, der in jeder Leidenschaft wohnt, mit dem Alter so vollständig verschwinden? In Hörgeräten? Gisela Trowes Charlotte läßt ihn noch ahnen.

Aus "Kalt ist der Abendhauch" lernen wir: Ästhetisch gesehen, ist es absolut unproblematisch, eine Leiche im Keller zu haben. Sie da rein zu bringen, ist eine Herausforderung - sie wieder rauszuholen aber fast unmöglich. Nach der ultimativen Leichen-Endlagerung stirbt Hugo auch noch in Charlottes Armen. Der Off-Kommentar in einer letzten Bedeutungsblase: "Manchmal braucht man ein ganzes Leben, um fünf Minuten glücklich zu sein." Wie schön dagegen der Schluss bei Ingrid Noll: Hugo kommt ins Altersheim.

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