Kultur : Kalt, kälter, „Kaltio“

Auch Finnland hat jetzt seinen Karikaturenstreit

Jan Schulz-Ojala

Der Prophet trägt eine Maske, von Anfang an. Damit soll dem Bilderverbot, das von islamischer Seite derzeit massiv auch für den Rest der Welt postuliert wird, zumindest im Ansatz Rechnung getragen werden. Ansonsten sieht der Prophet, durchaus karikaturenüblich, ziemlich garstig aus: struppig-bärtig, mit Turban, aber barfuß – und sich alsbald im rauen Polit-Religions-Zwiegespräch mit dem Zeichner zum furchteinflößenden Riesen auswachsend.

Keine Maske dagegen tragen die drei finnischen Spitzenpolitiker, die am Ende der Bildergeschichte auftauchen, die man von Montag bis Freitag letzter Woche auf der Website der finnischen Kulturzeitschrift „Kaltio“ hat lesen können. Präsidentin Tarja Halonen, Premierminister Matti Vanhanen und Außenminister Erkki Tuomioja verbrennen die dänische Flagge, beten zu Allah und distanzieren sich vom „Horrorstaat Dänemark“. Das führt den wutentbrannten Karikaturisten in dem Comicstrip zu einem finsteren Schluss: Er wünscht seiner Heimat Finnland einen Krieg an den Hals, bei dem es sich, von allen guten Geistern sowie befreundeten nordeuropäischen Nachbarstaaten verlassen, mal so richtig alleine fühlen soll.

Der Online-Cartoon hat im traditionell friedfertigen Finnland ein politisch-publizistisches Beben ausgelöst. Erst nahm der „Kaltio“-Aufsichtsrat die Karikatur von der Website, dann ließ er die jährlich mit 500 000 Hits viel besuchte Seite komplett abschalten. (Inzwischen kann man sich unter http://home.doramail.com/matron:doramail.com/english.htm ein Bild machen.) Am Tag darauf wurde der 35-jährige Chefredakteur Jussi Vilkuna per E-Mail ohne Begründung entlassen, worauf Hauskarikaturist Ville Ranta, 27, die Zusammenarbeit mit „Kaltio“ aufkündigte. Dann entzog die Stadt Oulu, in der die kleine, aber in ganz Finnland viel beachtete Kulturzeitschrift „Kaltio“ erscheint, Ville Ranta den Auftrag für ein Kinderbuchprojekt. Unterdessen sind die großen finnischen Medien, vom 1. TV-Programm bis zum „Suomen Kuvalehti“, dem finnischen Pendant des „Spiegel“, auf den Skandal im Konfliktfeld zwischen religiöser Toleranz, Meinungsfreiheit und Innenpolitik aufmerksam geworden und berichten „zu 90 Prozent zu unseren Gunsten“, wie Zeichner Ville Ranta gegenüber dem Tagesspiegel sagt.

Auslöser für seine Bilderserie auf der „Kaltio“-Website war sein Ärger über die „feige“ Reaktion des Premierministers auf den dänischen Karikaturenstreit, sagt Ranta. Weil finnische Rechtsextreme die Karikaturen aus „Jyllands Posten“ im Internet veröffentlicht hatten, habe sich Matti Vanhanen gleich „bei der ganzen muslimischen Welt entschuldigt“. Die beiden anderen von ihm karikierten Politiker seien da nicht so deutlich geworden, hätten sich aber – anders als der dänische Premier Fogh Rasmussen, der sich zwar von den Mohammed-Karikaturen distanziert, aber auch auf die Meinungsfreiheit hingewiesen habe – ebenfalls windelweich gegenüber militanten muslimischen Reaktionen verhalten.

„Kaltio“-Chefredakteur Jussi Vilkuna wiederum vermutet, die Veröffentlichung der Mohammed-Abbildung selber habe zu seiner Kündigung geführt. Drei große finnische Banken und Versicherungen, die den „Kaltio“-Internetauftritt finanzieren, zogen ihre Werbebanner zurück – und sofort habe der für die Zeitschrift private und öffentliche Mittel verwaltende Aufsichtsrat die radikalstmögliche personelle Konsequenz gezogen. Zum Vergleich: Die Macher von „Jyllands Posten“ hatten sich nach der Veröffentlichung der Mohammed-KarikaturenSonderseite entschuldigt, aber niemandem gekündigt.

Bedroht wurde im finnischen Karikaturenstreit bisher keiner, auch Demonstrationen blieben aus. Die 30 000 Köpfe starke muslimische Gemeinde sei friedlich, sagen Chefredakteur Vilkuna und Zeichner Ranta. Wie überhaupt die Zahl der Immigranten im europäischen Vergleich mit 180 000 äußerst gering ist – selbst bei einer gesamten Einwohnerzahl von nur 5,2 Millionen. Wegen des großen Medienechos der letzten Tage hoffen nun Vilkuna und Ranta, bald in ihre Jobs zurückkehren zu können. Denn „der Aufsichtsrat“, sagt Ranta, „wird jedes Jahr neu gewählt“.

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