Kultur : Kalte Disco

Galerie Lehmann: Arbeiten von Tilman Hornig.

Tomas Kurianowicz

Tilman Hornigs Kunst macht es einem nicht einfach: Seine Rauminstallation „Elektrobabe“ in der Galerie Gebrüder Lehmann ist ein großes, schwer zu entschlüsselndes Rätsel. Auf einer fast acht Meter langen Leinwand sieht man steil erhobene Metallbögen, die wie rauschende Wellen aufeinander fallen. Es ist ein synthetischer Reigen, ein Haufen verbogenes Blech, besprüht mit pinker Farbe.

Die Faltung (33 000 Euro) hängt an einer eigens für die Installation errichteten Mauer, die den Raum in zwei Hälften teilt. Hinter dieser steinernen Absperrung wartet ein noch mysteriöserer Tatort: An einer Leine hängen zwei Puppenteile. Sie heißen „Elastobabes“ (6000 Euro) und man würde sie nicht als elastisch, sondern eher als träge bezeichnen - so willenlos erscheinen sie am seidenen Faden hängend. Was diese Installation beabsichtigt, lässt sich nicht genau sagen. Auch deshalb nicht, weil der in Dresden lebende Künstler Hornig es mit Erklärungen nicht so genau nimmt. Man muss sich auf die Suche begeben. Erst die Recherche verrät, dass „Elastobabe“ ein Lied aus den 90er Jahren ist; komponiert von einem Berliner DJ auf dem Höhepunkt der Techno-Kultur. Langsam verdichten sich die Zeichen: die Mauer, die grellen Farben, das violette Licht, die Puppen und der zerbrochene Spiegel, auf dem mit Lippenstift „Awesome!“ geschrieben steht (1800 Euro) – all das sind Utensilien einer Feierkultur, die auf dem Prüfstand steht. Ausgerechnet in Berlin. Ausgerechnet hier, wo die Berliner Mauer stand.

Will der 1979 in Zittau geborene Künstler irritieren? Wenn ja, dann ist es ihm gelungen. Müde wirkt die Szenerie, wie ein Kater nach einer durchzechten Nacht. Die ständige Präsenz von Signalfarben, von grellen, zerstörerisch wirkenden Formen, die im Alltag die ausgelassene Atmosphäre eines jeden Berliner Elektroclubs begleiten – hier wirkt alles wie eine Drohkulisse, der man rasch entfliehen möchte. Wie ein klinisch-kalter Unort, der morbide Kräfte entfaltet. Der zerbrochene Spiegel könnte die Lösung für das Rätsel sein; eine Art Allegorie. Denn das ständige Schönseinmüssen, das Tanzen und sich Behaupten auf einer Bühne namens Großstadt lässt sich irgendwann nicht mehr ertragen. Der Spiegel zerbricht, die Party ist vorbei. Tomas Kurianowicz

Galerie Gebr. Lehmann, Lindenstr.35; bis 16.6., Di - Do 11 - 18 Uhr

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