Kultur : Kalte Revolution

HARALD MARTENSTEIN

Wissenschaftliche Analyse als politisches VersprechenVON HARALD MARTENSTEINEin Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus. Besser kann ein Programm nicht beginnen.Das Kommunistische Manifest, erschienen vor 150 Jahren: ein veralteter Text, heute noch aktueller Text, ein gefährliches Pamphlet.Eine in Teilen immer noch brauchbare Diskussionsgrundlage, eine Fanfare der Befreiung, ein Forschungsgegenstand, eine Utopie.Ein schöner Text. So, als ein schöner Text, hat er den Wandel der Zeiten am besten überstanden.Seinem Stil und seiner suggestiven Kraft können wir uns nicht entziehen, bis heute nicht, auch wenn wir Konservative sind, oder Christen, oder FDP-Wähler.Das Kommunistische Manifest hat die Massen ergriffen, und es ist doch auch ein Kunstwerk, das seine Wahrheit in seiner Form findet.Das Manifest wurde von Karl Marx als Auftragsarbeit geschrieben, unter Zeitdruck, vielleicht sogar lustlos, weil andere, lukrativere Aufträge deswegen unbearbeitet blieben.Beraten von seinem Freund Engels schrieb der zum Eiltempo genötigte Marx elegant und bildhaft, knapp und mit klarer rhythmischer Struktur.Der gleiche Marx, der in "Kapital" unter dem Einfluß, nein, unter dem Fluch Hegels wahrscheinlich einige der unübersichtlichsten Sätze geschrieben, die im deutschen Sprachraum jemals gedruckt wurden.So wurde das Manifest, das ein einigendes Band um die entstehende kommunistische Bewegung schlingen sollte, zum Trommelwirbel eines Jahrhunderts und Modellfall eines Parteiprogramms. Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen.Sie erklären es offen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung.Mögen die herrschenden Klassen vor einer Kommunistischen Revolution zittern.Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten.Sie haben eine Welt zu gewinnen. Und besser kann ein Programm nicht enden als mit dem Versprechen vollkommenen Glücks, den Gewinn einer ganzen Welt nämlich, vorgetragen mit dem Pathos der Gewißheit.Auch Marx schreibt ab, wie Brecht, wie fast jeder bessere Autor: Die Formulierung, daß die Arbeiter nichts zu verlieren hätten als ihre Ketten, entleiht er sich bei Jean-Paul Marat. Die Idee vom Proletariat als dem großen Weltbeweger, die Idee der Geschichte als einer Geschichte der Klassenkämpfe, der Kommunismus als naturnotwendiger Endzustand dieser Geschichte, das uneingeschränkte Lob der industriellen Revolution, der Zerstörung von traditioneller Familie durch den Kapitalismus, welcher eine historisch notwendige Vorstufe zum Kommunismus ist - in all diesen Punkten mag das Manifest gründlich irren, oder auch einen Funken Wahrheit bis heute bewahrt haben.Insofern wäre es ein altes Parteiprogramm wie andere auch.Der Kern des Manifestes aber ist, wie der Kern des Marxismus überhaupt, seine Behauptung der eigenen Wissenschaftlichkeit. Die Kommunisten ...haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus. Das Manifest vertritt keine Ansicht und stellt keine Forderungen, jedenfalls nicht in der Weise, wie die Programme der anderen Parteien es tun.Das Manifest ist ein entscheidender Schritt zu einer Weltanschauung, die sich auf wissenschaftliche Wahrheit beruft.Insofern ist Widerspruch gegen diese Weltanschauung so unzulässig wie der Widerspruch gegen ein physikalisches Gesetz, insofern ist der Marxismus auch nicht Ersatzreligion, sondern mehr als das.Denn Religionen wissen, daß sie sich nicht beweisen können.Die vermeintliche Wissenschaftlichkeit des Marxismus ist seine Erbsünde.Der Beginn des Weges, der in den Straflagern des Stalinismus endet.Jahrtausendelang sind die meisten Greuel im Namen des Glaubens begangen worden, nun können sie auch im Namen des Wissens begangen werden. Es ist aber genau diese Mischung aus heißem Pathos und kalter Wissenschaftlichkeit gewesen, die das Manifest so attraktiv gemacht hat, für uns, die westlichen Studenten der siebziger Jahre.Die akademischen jungen Kommunisten dieser Zeit, bei denen zum vorerst letzten Mal die Ideen des Kommunistischen Manifests auf fruchtbaren Boden gefallen sind, fühlten sich wie die großen Entdecker des 19.Jahrhunderts, wie die großen Polarforscher und die Afrikareisenden.Was wir taten und dachten, war einerseits abenteuerlich - und gefährlich, wie wir dachten -, andererseits taten wir es im Namen der Erkenntnis und des ganzen Menschengeschlechts. Es gibt ...ewige Wahrheiten wie Freiheit, Gerechtigkeit usw., die allen gesellschaftlichen Zuständen gemeinsam sind.Der Kommunismus aber schafft die ewigen Wahrheiten ab, er schafft die Religion ab, die Moral, statt sie neu zu gestalten, er widerspricht also allen bisherigen geschichtlichen Entwicklungen. Was die Kommunisten eine zeitlang so erfolgreich machte und was sie von den anderen linken Parteien und Denkschulen unterscheidet, von den Sozialdemokraten zum Beispiel, von den linken Christen oder den Anarchisten, das ist diese Kälte der Wissenschaft.Auch wir hatten damals wenig Mitleid mit den Proletariern, mit den Entrechteten, mit dem Armen.Wir waren wissenschaftliche Sozialisten! Wir kannten die Wahrheit! An dieser geistigen Wegkreuzung haben sich, 70 Jahre nach der Verfassung des Manifests, die Kommunisten, die seinem Geist treugeblieben sind, von den Sozialdemokraten geschieden: die Sozialdemokraten stimmten nicht nur 1914 für die Kriegskredite (die Arbeiter haben kein Vaterland), sie entdeckten auch das Mitleid neu, das Willy Brandt verlegen mit dem englischen Wort "compassion" bezeichnete.Sie wurden sentimental. Die Bourgeoisie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Der Verfasser des Manifests steht in dieser Hinsicht auf der Seite der Bourgeoisie.Marx ist nicht sentimentaler als Darwin.Die Ärmsten der Armen, die halbverhungerten, zerlumpten Gestalten der industriellen Reservearmee, sind für ihn nur eine taktische Größe.Für die Arbeitslosen, für den Ausschuß der industriellen Revolution, findet Marx im Kommunistischen Manifest nur die verächtlichsten Worte. Das Lumpenproletariat, diese passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft, wird durch eine proletarische Revolution stellenweise in die Bewegung hineingeschleudert, seiner ganzen Lebenslage nach wird es bereitwilliger sein, sich zu reaktionären Umtrieben erkaufen zu lassen. Bei den Berliner Filmfestspielen, die gerade zuende gingen, lief auch der neue Dokumentarfilm eines amerikanischen Sozialkritikers und populären Autors, Michael Moore.Moore ist für "The Big One" in amerikanische Provinzstädte gegangen und hat dort das angebliche amerikanische Jobwunder aufgespürt: Leute, die für fünf oder sechs Dollar in der Stunde arbeiten, 14 Stunden am Tag.Denn diese Leute brauchen zwei Jobs um über die Runden zu kommen, und "über die Runden kommen" bedeutet für sie: eine kleine Wohnung, ein Fernseher, Essen und Trinken, ein altes Auto.Mehr ist nicht drin, kein Urlaub, kein Theater oder Kino, auch keine Krankenversicherung.Die Mütter erzählen, daß sie ihre Kinder, die meistens bei der Großmutter leben, nur am Wochenende sehen können.Man muß kein Marxist, kein Sozialist oder Sozialdemokrat sein, um das amerikanische Jobwunder nach diesem Film für eine Lüge zu halten, besser gesagt: für eine Legende des Klassenkampfes von oben.Nach 200 Jahren Kapitalismus stehen immer noch, und immer wieder, der 14-Stundentag auf dem Programm, sklavereiähnliche Abhängigkeitsverhältnisse, die Zerschlagung der Familie. Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen. Sicher ist einstweilen nur, daß auch nach dem Ende des Kommunismus als Staatsdoktrin die Geschichte weitergeht, und daß es dort, wo die Verhältnisse entsprechend sind, soziale Kämpfe geben wird.Auch der moderne Kapitalismus ist nicht das letzte Wort der Geschichte.Der Klassenkampf hat, als Kompromiß zwischen den Klassen, den modernen Sozialstaat hervorgebracht, in dem wir uns alle einige Jahrzehnte lang recht wohlgefühlt haben, und der nun angeblich veraltet ist.Brauchen sie am Ende einander, das organisierte Proletariat und die Bourgeoisie, wie jede Regierung ihre Opposition braucht, und kann der eine ohne den jeweils anderen vielleicht nichts anderes hervorbringen als terroristische Verhältnisse? Für die amerikanischen Billigarbeiter, die Produkte des modernen Jobwunders, ist das alte Wort "Proletarier" die einzig passende Bezeichnung, noch immer. Lesen Sie auch:

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