Kultur : Kalter Reigen

Andreas Morells Berlin-Film „Unschuld“

Oda Tischewski

Die junge Türkin Derya braucht Chris, um einen Augenblick der Selbstbestimmtheit zu erleben, bevor sie verheiratet wird. Kim braucht Alexander, um sich den Traum von der Rückkehr in ihre chinesische Heimat zu erfüllen. Julia braucht Männer, weil ihre Sehnsucht nach einem Kind sie verzweifeln lässt. Simone braucht Matte, um die Wahrheit über ihre Ehe zu erkennen. Und Simones Mann Peter missbraucht junge Ladendiebinnen wie Derya, weil er spürt, dass seine Liebe tot ist.

In Andreas Morells Kino-Debüt „Unschuld“ treffen in Berlin elf Menschen aufeinander. Sie kennen sich nicht oder kaum. Jeder sucht etwas und braucht einen anderen; ein Netz aus Verzweiflung und Abhängigkeit entsteht. In quälend langen Einstellungen zeigt Morell die Einsamkeit und den Egoismus seiner Figuren. Unschuld ist, was ihnen fehlt.

So eng verbunden sind die Episoden, dass sie ineinanderfließen und mitunter verschwimmen. Kai Hafemeisters Drehbuch eröffnet einen Handlungsstrang nach dem anderen, verheddert sich und macht es dem Zuschauer schwer, einzelnen Geschichten zu folgen. Manche Begegnung führt ins Leere. Andere bleiben so vage, dass man ihre Relevanz beinahe verpasst. Traumsequenzen wechseln nahtlos zu realer Handlung, verstorbene agieren mit noch lebenden Charakteren. Die Auflösung bleibt häufig aus.

Nach Jahren bei den Soaps „Verliebt in Berlin“ und „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ fängt Andreas Morell statt eines bonbonbunten ein melancholisches, klammes Berlin in Grautönen ein: Sichtbetonwände, geflieste Treppenhäuser, ein klappriges Radio im Nachtbus, ein tristes Polizeirevier, spätwinterliche Einkaufsstraßen. In dieser monochromen Kulisse bleiben auch die Figuren häufig kühl und stereotyp. Nadeshda Brennicke als Simone sagt wenig, legt ganze Monologe in sehr lange, sehr traurige Blicke. Tobias Oertel als Musiker Chris gibt den testosterongetränkten Macker mit Dreitagebart und Whiskeyglas, der weiß, was die Frauen wollen: ihn. Kino-Debütantin Aylin Tezel hingegen verleiht ihrer Derya eine Tiefe, die vergleichbare Darstellungen häufig vermissen lassen: Derya weiß, was von einem türkischen Mädchen erwartet wird und ist einverstanden damit. Doch sie weiß auch um ihre erotische Anziehung, die ihr helfen wird, einen Teil ihres Lebens selbst in der Hand zu behalten.

Ein irrlichternder Film, mit schönen, berührenden Bildern. Schade nur, dass er sich in Kälte und ästhetischer Künstlichkeit verliert. Oda Tischewski

In Berlin in den Kinos Babylon Mitte, Blow Up, Kulturbrauerei

0 Kommentare

Neuester Kommentar