Kultur : Kaltes Café

Wo geht’s nach Europa? Die 9. Kunst-Biennale von Istanbul

Christina Tilmann

Sie war auch in Istanbul Thema Nummer Eins, die deutsche Wahl. Ein Foto, das Gerhard Schröder bei einer Diskussion vor der türkischen Flagge zeigt, beschäftigt die Künstler, die auf der 9. Biennale am Bosporus seit dem Wochenende ihre Werke vorstellen. Angela Merkel hat sich hier keine Freunde gemacht mit ihren Äußerungen zum EU-Beitritt der Türkei. Und Migration von der Türkei nach Deutschland wird zudem Ende September in einer Ausstellung im Kölner Kunstverein untersucht. Der Weg eines Ford Transit, in Deutschland gebaut, in Istanbul als Sammeltaxi verwendet und nun wieder nach Köln überführt, ist für Aytac Eryilmaz Symbol für die Verbindung zwischen Deutschland und der Türkei.

Die 53 Künstler aus aller Welt, die an der 9. Istanbul Biennale teilnehmen, hatten einen anderen Blick. „Istanbul“ lautet schlicht und banal das Thema, welches die Kuratoren Charles Esche und Vasif Kortun ausgerufen haben, und zur besseren Beschäftigung mit der Stadt wurden bis zu sechsmonatige „Artist in Residence“-Stipendien vergeben. Das Ergebnis ist vorhersehbar, der Blick bleibt ziemlich touristisch: Einen Istanbul-Reiseführer haben gleich mehrere Künstler verfasst, Sener Özmen listet die für Kunstfreunde relevanten Orte auf, drei Künstlerinnen geben Tipps, wo es den besten Kaffee, den schönsten Blick oder gegrillten Fisch gibt und wie man sich als Frau gegen Anmache wehrt. Pilvi Takala hat Männer im Café beobachtet, die sich durch die Anwesenheit von vier Frauen provoziert fühlen, Heidi Lunabba ist auf den Spuren eines Frauenfußballclubs in Istanbul, Erik Göngrich hat die Hügel der Stadt in Sperrholz nachgebaut und Wael Shawky die Suren des Koran im Supermarkt rezitiert. Der Mond leuchtet gleich mehrmals über Istanbul (Pawel Althamer), und Straßen, Gebäude, Häuserzeilen sind mit Kreidezeichen markiert (Otto Berchem) oder rosa bemalt (A 12). Der witzigste Beitrag zur Stadt stammt von Dan Perjovschi, der in an die Wand gekritzelten Comicszenen tagebuchartig Situationen aus dem Alltag festhält.

Die Stadt als Kunstort, das liegt im Trend. „Schrumpfende Städte“ ist ein großes Thema der urbanistischen Diskussion in Deutschland. Istanbul ist ganz das Gegenteil: von vier auf geschätzt 14 Millionen Einwohner ist die Stadt am Bosporus in den letzten Jahren gewachsen, die Regel, nach der jedes Gebäude stehenbleiben darf, das in einer Nacht errichtet wurde, hat zu endlos wuchernden Slums geführt. Dorthin allerdings hat sich kein geladener Künstler gewagt: Brav bleiben sie im touristisch erschlossenen Gebiet von Beyoglu, dem europäischen Zentrum Istanbuls. Und auch die Biennale selbst geht nicht weiter: Zwar hat man sich, erstmals, von den historischen Stätten abgewandt, die bislang als Austragungsorte dienten, also keine unterirdischen Zisternen mehr, keine Hagia Sophia, kein Topkapi Palast. Stattdessen solle das alltägliche Istanbul gezeigt werden. Also ein heruntergekommenes Tabakkontor mit schönen Holzböden, ein leer stehendes Bankgebäude aus den 80er Jahren und, mit dem melancholischen Glanz vergangener Tage, ein ehemals herrschaftliches Wohnhaus an einer Schnellstraße.

Hier zeigt sich auch die Kunst am ehesten vom Ort inspiriert: Nedko Solakov zum Beispiel bringt die Räume zum Sprechen, mit kleinen, an die Wand gekritzelten Inschriften, mittels derer die Räume in einen Wettstreit treten: Wer hat die schönste Aussicht, wer verdient die meiste Kunst an der Wand? Michael Blum ist den anderen Weg gegangen: er hat, in einer leer geräumten Wohnung, einen Erinnerungsraum an die türkische Aktivistin Safiye Behar eingerichtet, mit bürgerlichem Esszimmer, Schlafzimmer, Wohnzimmer. Behar, aus jüdischer Kaufmannsfamilie stammend, hatte sich als Lehrerin selbständig gemacht, eine lebenslange Affäre mit Kemal Atatürk begonnen und war schließlich in die USA emigriert. Ein Interview, das Blum mit ihrem Enkel in Chicago führt, bringt diese mutige, charismatische Frau zum Leben – und die Tragödie einer Familie, die ihre Wurzeln verloren hat, dazu.

Der Hauptaustragungsort ist, wie schon 2003, ein ehemaliges Lagerhaus in der Hafengegend Istanbuls. In unmittelbarer Nachbarschaft zum im vergangenen Jahr eröffneten „Museum für Moderne Kunst“, welches parallel zur Biennale eine schöne, ruhige Ausstellung unter dem Titel „Center of Gravity“ zeigt, sind hier vor allem Diskussionen, Veranstaltungen, Parties angesagt. Und man bekommt eine Ahnung davon, was die Biennale auch hätte sein können, wäre sie etwas mutiger gewesen. In der „Hospitality Zone“ können junge türkische Künstler, auf Einladung der Biennale, aber unabhängig, ihre Werke zeigen. Und der Ton ist sofort ein anderer, aggressiver, frecher, härter: eine junge Frau ist mit einem Tschador verhüllt, der in den Farben der EU-Flagge gehalten ist (Burak Delier), eine andere berichtet von Folter, und Stoiber und Merkel springen dem Betrachter auf einem Video von Serhat Höksal mit dem nackten Arsch ins Gesicht. „Etnik Paranoia“ lautet der Titel. Bei der Biennale ist man sie nicht los geworden.

Istanbul Biennale, bis 30. Oktober. Informationen unter www.iksv.org

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