Kultur : Kaltes Land

Im Kino: „Holunderblüte“ von Volker Koepp

Christina Tilmann

Eine Rückkehr, ein Abschied: „Die Natur holt sich das Land zurück“, ist Volker Koepps melancholisches Fazit über sein geliebtes Filmland Ostpreußen. Aber was für Natur: schneebedeckte, endlose Alleen, sanft sich im Winde wiegendes Schilf, Sonne auf dem Wasser. Vogel möchte man hier sein und über den Wolken schweben – oder Filmemacher und so erlesen schöne Bilder einfangen, wie es Volker Koepp in seinem siebten Ostpreußenfilm „Holunderblüte“ tut.

Nur Kind sein, das will man hier vielleicht nicht. Den Kindern aus der Gegend von Kaliningrad (Königsberg) gilt diesmal Koepps Interesse – nicht den Alten, die so viel zu erzählen haben von der Vergangenheit. Auch nicht den Mittelalten, die sich verlieren in Suff, Arbeitslosigkeit und Stumpfsinn. Die Kinder dagegen sitzen auf einem Baumstamm am Wasser und erzählen fröhlich, produzieren sich vor der Kamera. Begnadete Selbstdarsteller, diese Kinder, und Volker Koepp lässt sie machen, hält einfach drauf. Nicht unproblematisch. Denn Kinder sind überall süß und lebendig und unreflektiert – viel erfährt man von ihnen nicht, über die Lebensumstände dort auf dem Land.

Doch was man erfährt, ist bitter. Nach ihren Lebensträumen hat Koepp die Kinder gefragt, und zunächst drucksen sie herum und haben keine. Doch dann kommen die Wünsche: „Alle sollen höflich sein und niemals streiten“, sagt ein Knirps, und was sich alle wünschen, ist, dass die Eltern nicht mehr trinken. „Schlecht ist, dass alle hier Alkoholiker sind“, sagt ein Mädchen, und dann sieht man Erwachsene lallend auf dem Fahrrad und begreift, dass es eine verlorene Generation ist, eine verlorene Gesellschaft. Wie ausgestorben wirken die zerfallenen Gehöfte, die Kinder sind auf sich selbst gestellt, letzte Lebende in einer entvölkerten Welt. Da wird auch die überragende Schönheit der Landschaft plötzlich bitter.

Der Titel „Holunderblüte“ bezieht sich übrigens auf ein Gedicht von Johannes Bobrowski: „Eigentlich heiße ich Erinnerung / ich bin es / die in dem Baum sitzt / und wächst / und wächst / ich kann mich erinnern / ich kann erzählen.“ Dass sie wachsen und sich erinnern dürfen: Das wünscht man diesen Kindern, in ihrer kalten Heimat. Christina Tilmann

In Berlin in den Kinos fsk Oranienplatz, Hackesche Höfe, Krokodil (alle OmU)

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