Kalypso Katz beim Wassermusik Festival : Flussaufwärts im Bananenboot

Das Festival Wassermusik holt die Karibik an die Spree. Als Begleitband sind die Berliner Kalypso Katz dabei. Ein Treffen mit dem Bandgründer und Pianist Boris Kontorowski.

von
Kalypso Katz mit Pianist Boris Kontorowski (oben, 2. v. re).
Kalypso Katz mit Pianist Boris Kontorowski (oben, 2. v. re).Foto: Robert Krampit

Als sich die Band Lord Mouse and the Kalypso Katz vor acht Jahren in Berlin gründete, war Calypso eine Musik, die ihre goldene Zeit schon lange hinter sich hatte. Diese war nämlich in den fünfziger Jahren, als sogar Robert Mitchum eine Platte mit Calypso-Reißern aufnahm. Doch bald darauf geriet das Genre mehr oder weniger in Vergessenheit.

US-Regisseur Tim Burton verwendete für den Soundtrack seines schrägen Films „Beetlejuice“ Ende der Achtziger noch einmal den berühmten „Banana Boat Song“ und andere Vintage-Gassenhauer im Calypso-Stil von Harry Belafonte, aber für ein echtes Revival der ursprünglich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Trinidad entstandenen Musik reichte das vorerst nicht.

Selbst auf der karibischen Insel galt Calypso als Sound von gestern bis vorgestern, man hörte dort längst Soca, eine Art Hochgeschwindigkeits-Calypso, bei dem die klassischen Rhythmusinstrumente durch Synthesizer ersetzt wurden. Es muss den Gründern von Kalypso Katz, Pianist Boris Kontorowski, auch bekannt unter dem Namen General Confusion, und seinem Kumpel, der sich fortan Lord Mouse nannte, also selbst wie eine Schnapsidee vorgekommen sein, als sie sich sagten: Wir sind weiß, wir leben in Berlin, wir waren nie auf Trinidad, unsere Lieblingsmusik interessiert hier niemanden, aber egal, lass uns eine Calypso-Band gründen.

Die Musiker kommen aus der Rockabilly-Szene

Das Verrückte ist: Es funktionierte. Der Russlanddeutsche Kontorowski, der Anfang der nuller Jahre nach Berlin gezogen ist und vor seiner Konvertierung zum Calypso in einem Country-Trio Kontrabass spielte, infizierte nach und nach befreundete Musiker aus der lokalen Rockabilly-Szene mit dem Calypso-Virus und irgendwann hatte er tatsächlich 17 Musiker, inklusive Sängerinnen für den Background-Chor, zusammen.

Von überallher kamen diese, aus Polen, England, Frankreich oder, wie Sänger Lord Mouse, aus den USA, um nun gemeinsam ein wenig Karibik-Flair an die Spree zu holen. „Wir sind eine internationale Band, das stimmt“, sagt Kontorowski, dessen Haartolle daran erinnert, dass er mit dem Rockabilly noch nicht ganz abgeschlossen hat, „aber das spiegelt doch perfekt unsere Stadt wider.“

In der Karibik war Boris Kontorowski immer noch nicht

Und die Kalypso Katz waren auch erfolgreich. Vor allem international, selbst in Japan gab es Fans. Nach Trinidad und Tobago verbreitete sich die Kunde von den Berlinern, die da gerade die Musikkultur des Inselstaats auffrischten, allerdings bisher nicht. Einmal habe ihn immerhin die E-Mail des Enkels von Roaring Lion erreicht, ein Calypso-Star von den Inseln, der gerade in Skandinavien weilte und die Band lobte, erzählt Kontorowski. Das ist aber auch schon alles. Er war übrigens auch immer noch nicht in der Karibik.

Ein Grund für den Erfolg der Kalypso Katz ist sicherlich, dass sie die Musik, die sie spielen, sehr ernst nehmen, sich selbst aber eher nicht so. Ohne Humor läuft bei den Katzen nichts, was schon losgeht mit dieser Tom-und-Jerry-Nummer, an die man bei einem Bandnamen wie Lord Mouse and the Kalypso Katz sofort denken muss. Die Band unterscheidet sich auch dadurch wohltuend von Kollegen wie dem Kölner Reggaesänger Gentleman, dessen Jamaica-Identifizierung zu einer überakribischen Form der Mimikry führte, dass die Berliner einer ihnen eigentlich fremden Musikkultur zwar Respekt bezeugen, ohne sie sich völlig aneignen zu wollen.

Er ist schon da, der durchaus ausgefeilte, spielerische Bezug auf Codes des Calypso. „Klassische Calypso-Sänger hatten immer Adelstitel im Namen“, erklärt Boris Kontorowski, „sie hießen etwa Lord Invader oder Lord Kitchener. Also sagten wir uns: Wir brauchen auch einen Adligen. Und den nannten wir Lord Mouse.“ Gleichzeitig aber macht man deutlich, dass man immer die Calypso-Band von der Spree bleiben wird und das auch gar nicht verbergen möchte. Der Song mit dem Titel „White Boy Calypso“ spiegelt diese Haltung ganz gut wider. „Weißer Junge, warum singst du die Songs der Karibik, obwohl du dort noch nie warst?“, fragt da der Chor eher rhetorisch, während man gleichzeitig aber wirklich astrein tanzbaren Calypso mit shakenden Rasseln, Kongas und scharfen Bläsersätzen zu hören bekommt.

Calypso ist plötzlich wieder in Mode

Inzwischen liegt alles ein wenig anders mit Calypso im Allgemeinen und mit den Kalypso Katz im Speziellen. Die Musik ist wieder hip. Durch den Erfolg von Soca, der für viele der neue Reggae, beziehungsweise Dancehall ist und der in Berlin vor allem im Yaam-Club immer öfter auf Partys zu hören ist, erinnert man sich auch wieder an Calypso. Eine ganze Flut an Calypso-Compilations ist in den letzten Jahren erschienen. Trotzdem verabschiedeten sich Lord Mouse and the Kalypso Katz nach zwei Platten Ende letzten Jahres erst mal von der Bühne. Lord Mouse ist zurück in die USA gezogen und die Katzen standen plötzlich ohne ihren Sänger da. Wie es genau weitergeht, ob man doch noch einmal mit Lord Mouse etwas aufnehmen oder auf Tour gehen werde, sei gerade unklar, erklärt Boris Kontorowski.

Aber auch wenn die Maus aus dem Haus ist, brauchen die Katzen nun mal jemanden zum Spielen. Und so haben sie sich etwas ausgedacht, das ein neues Kapitel in der Geschichte der Kalypso Katz schreiben könnte und die jetzt auch bei der diesjährigen Ausgabe des Wassermusik-Festivals im Haus der Kulturen der Welt zu erleben ist: Die Calypsonians aus Berlin begleiten nun die Stars des Socas aus Trinidad und Tobago und Barbados. Und was für welche! Boris Kontorowski bekommt leuchtende Augen, wenn er von ihnen erzählt. Von Charles D. Lewis aus Barbados etwa, dessen Hit „Soca Dance“ Anfang der Neunziger immerhin die ersten Plätze der Charts in Frankreich und Belgien belegte und auch in Deutschland in den Top Ten landete. Oder von Stedson Wiltshire, auch bekannt unter dem lustigen Künstlernamen Red Plastic Bag, der einer der bekanntesten Soca-Sänger der Karibik ist.

Tradition wird bei diesem Konzert auf Moderne treffen und Boris Kontorowski wird der karibischen Musikkultur so nah sein wie vielleicht noch nie zuvor. „Calypso ist eine sehr offene Musikrichtung“, sagt er, „im Vergleich zu anderen Genres kann man sie nur schwer definieren, wodurch man sich ziemlich viele Freiheiten rausnehmen kann.“ Diese Haltung wird sicher dabei helfen, White Boy Calypso gewinnbringend und überraschend mit Black Man Soca zusammentreffen zu lassen.

Konzert: Caribbean Calypsonians & Kalypso Katz, 23. Juli, 20.30 Uhr, Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10

0 Kommentare

Neuester Kommentar