Kultur : Kamelle im April

Die Geschichte der Dinge: Andreas Slominski in der Galerie Neu

Ulrich Clewing

Am Nachmittag des 2. April ereigneten sich merkwürdige Dinge in der Philippstraße in Berlin-Mitte. Gegen 16 Uhr bog ein reich geschmückter Karnevalswagen in die kleine Straße an der rückwärtigen Seite der Charité. Auf dem Wagen: das Berliner Prinzenpaar sowie weitere Mitglieder der Berliner Karnevals-Stadtgarde Rot-Gold. Der Zug machte vor der Galerie Neu Halt. Anschließend fingen die Karnevalisten an, Kamellen über die Mauer zu werfen. Die meisten davon blieben vor der Galerie liegen, doch einige wenige fielen durch die geöffnete Galerietür bis in den Ausstellungsraum hinein. Das Ganze fand weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Gegen 18 Uhr verließ das Faschingsprinzenpaar den Schauplatz. Dann wurde der Zugang zur Galerie versperrt, die ersten Vernissagengäste kamen, die Ausstellung war eröffnet. Die Süßigkeiten vor der Galerie stießen beim Publikum auf großen Anklang und waren bald verzehrt. Außerdem sollte noch erwähnt werden, dass die Philippstraße an diesem Tag für den Verkehr gesperrt war, was dazu führte, dass am frühen Nachmittag mehrere Autos abgeschleppt werden mussten.

Diese etwas langatmige Einleitung ist nötig, um eine ungewöhnliche Ausstellungssituation zu klären: In der Galerie Neu wird eine neue Arbeit von Andreas Slominski gezeigt. Und zu sehen gibt es ein paar Bonbons auf dem Fußboden. Ansonsten ist die Galerie leer. Solche Ausstellungen (30000 Euro kostet die Wiederholung der Karnevals-Aktion) hat Slominski schon eine Menge veranstaltet. In Krefeld zum Beispiel engagierte er für seine Schau im Haus Esters einen professionellen Golfspieler. Der schlug von der Straße aus einen Golfball über das Museum. Auf der anderen Seite des Museums, im Garten des Haus Esters, stand ein Lastwagen, dessen Kipplade schräg gestellt war. Der Ball prallte auf die gekippte Ladefläche des LKWs und hoppelte ein bisschen über den Rasen und rollte dann von dort – durch eine offene Tür – ins Museum, wo er bis zum Ende der Ausstellung verharrte.

Lebhaft in Erinnerung ist auch die Aktion in Hamburg: Dort ließ Slominski einmal von einem Glasermeister die Schaufensterscheibe eines Kaufladens entfernen, um dann den abgelutschten Eisstiel in das Schaufenster zu legen und die Scheibe wieder einsetzen zu lassen. Oder das Werk, das Slominski seinerzeit im Vorfeld der dritten „Skulptur.Projekte“ in Münster initiierte: Straßenarbeiter gruben einen Laternenpfahl aus, befestigten ihn an einem Kran, der ihn ein paar Zentimeter hoch hob, damit der Künstler einen Fahrradreifen um den Schaft legen konnte. Anschließend wurde der Laternenpfahl wieder eingemauert.

Natürlich hätte Slominski das alles auch einfacher haben können. Er hätte die Süßigkeiten selber in der Galerie verstreuen, den Golfball ins Museum schummeln und das Geschäft in Hamburg durch die Eingangstür betreten können, wie jeder normale Mensch. Der Effekt wäre der gleiche gewesen – aber die Arbeit eine vollständig andere.

Oberflächlich betrachtet vertritt Andreas Slominski die klassische Konzept-Kunst: Er liefert die Anleitung zu Handlungen, die ein Dritter ausführt. Wobei das daraus entstandene sichtbare Werk nur ein Teil des Gesamten ist, und nicht einmal der wichtigste, obwohl Slominski sicherlich große Lust an der Verrätselung hat. Entscheidender ist allerdings ein anderer Aspekt. Denn Slominskis Aktionen erzählen nicht nur von irritierend geringen Resultaten, sondern auch von ihrem Gegenteil, von absurdem Aufwand und freigiebigster Verschwendung. In einer Welt der Terminkalender und des „Geiz ist geil“ stellt er Kategorien wie ökonomische Vernunft, Funktionalität und Effizienz komplett auf den Kopf. Und indem er das tut, hält er dem Betrachter etwas Zweites vor Augen: die letztendliche Vergeblichkeit aller menschlichen Anstrengungen.

So entpuppen sich Slominskis Eulenspiegeleien mit einem Mal als Fortschreibung eines sehr alten Themas der abendländischen Kunst. Es ist das Vanitas- und Memento -mori-Motiv: In der niederländischen Genremalerei des 17. Jahrhunderts weit verbreitet ist beispielsweise das Bild des Bauern, der seine Suppe durch Pusten zu kühlen versucht. Die Metapher wurde damals von jedem auf Anhieb verstanden: Zuerst kocht der Mensch die Suppe heiß, und dann muss er sie wieder erkalten lassen, um sie zu verzehren – was für eine verlorene Liebesmüh’.

Vielleicht am deutlichsten war der Verweis auf die Vergänglichkeit bei einer Arbeit, die Slominski im Portikus in Frankfurt am Main realisierte. Dafür wurden die Flügel einer Windmühle in den Ausstellungsraum verfrachtet, die der Künstler daraufhin nach und nach in einem kleinen Ofen verbrannte, bis der Raum völlig leer war. Und das einzige, das bleibt, sind die Rußspuren am Ofenrohr. Oder eben Karnevalsbonbons.

Galerie Neu, Philippstraße 2, bis 15. Mai; Dienstag bis Sonnabend 11–18 Uhr.

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