Kultur : Kamera-Malerei

Margherita Spiluttini in der Galerie Peter Dittmar

Michael Zajonz

Der Berg lebt. Auch wenn die großformatigen Alpen-Fotografien von Margherita Spiluttini dank ihrer klassischen Kompositionsprinzipien Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen, zeigen sie doch den durch Menschen verursachten Wandel. Die 1947 geborene Österreicherin gehört zu den gefragtesten Architekturfotografen ihrer Generation. Zu ihren Kunden zählen Weltstars wie Herzog & de Meuron oder Zaha Hadid. Im eigenen Auftrag fotografiert sie seit einigen Jahren architektonische und ingenieurtechnische Eingriffe in die heimatliche Alpenlandschaft: Staudämme, Brücken, Tunnels, Straßen, Steinbrüche. Eine Auswahl dieser atemberaubenden fotografischen Landschaftsbilder (11 verschiedene Motive in 5er- Auflage, 4400–4800 Euro) zeigt nun Peter Dittmar in der Auguststraße.

Ihre Fotografien würden nichts beweisen, erklärt Margherita Spiluttini gern. Dabei sind die Motive, denen sie sich in der Serie „Nach der Natur / Konstruktionen der Landschaft“ bedient, alles andere als wertfrei. Naturschützer auf der einen, Fortschrittsgläubige auf der anderen Seite des ideologischen Spektrums bewerten die Verkehrs- und Industriebauten der Moderne im Hochgebirge nur unter entgegengesetzten Vorzeichen.

Spiluttini geht es nie darum, mit ihren Fotos anzuklagen, zu verherrlichen oder auch nur zu dokumentieren. Ihre weit ausholenden Panoramen wollen einfach nur Bild sein. Meist folgt die Komposition traditioneller Landschaftsmalerei. Die mit der Plattenkamera erstellten Aufnahmen beeindrucken durch eine Tiefenschärfe, die mehr leistet, als gestaffelte Räume in gegliederte Flächen zu ebnen. Die Kostbarkeit der Bilder liegt in der stofflichen Präsenz des Abgebildeten, egal ob es sich im Bildvordergrund oder in der Ferne zeigt. Der Kritiker Wolfgang Kos nennt dieses Verfahren treffend „reichhaltige Genauigkeit“.

Louis Daguerre definierte Mitte des 19. Jahrhunderts die Kamera als „Instrument zum Nachzeichnen der Natur“. Mit den mimetischen Möglichkeiten von Fotografie setzt sich auch Spiluttini auseinander, wohl wissend, dass Abbild nie gleich Realität ist. Sie porträtiert Orte, die im herkömmlichen Sinne nicht fotogen sind. Das Erhabene der Bergwelt, seit der Aufklärung Topos westlicher Sehnsucht nach Natur und Spiritualität, lässt sich selbst aus diesen nüchternen Bildern nicht ganz verbannen.

Margherita Spiluttini erschöpft sich trotz ihres Generalthemas nicht im Seriellen. Jedes Motiv fahndet auf seine Weise nach der Ebene, auf der sich „natürliche“ und „gebaute“ Landschaft durchdringen oder abstoßen. So dürfte für ihre Bilder gelten, was sie über die von ihr fotografierten alpinen Ingenieurbauten schreibt: „Die Ästhetik ist nie Selbstzweck, sie ergibt sich immer erst aus dem zu überwindenden Problem.“

Galerie Dittmar, Auguststraße 22, bis 13. Mai; Dienstag bis Samstag 12 – 18 Uhr.

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