Kamerafrau Judith Kaufmann : Wimpern sind wesentlich

Bei Feo Aladags "Zwischen Welten", der jetzt im Kino anläuft, war Judith Kaufmann nicht nur Kamerafrau, sondern auch Co-Drehbuchautorin. Gerade dreht sie mit Matti Geschonnek. Begegnung mit einer scheuen Filmkünstlerin.

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Frau und Maschine. Judith Kaufmann bei der Arbeit.
Frau und Maschine. Judith Kaufmann bei der Arbeit.Foto: Promo/Jim Rakete

Das mit den Wimpern amüsiert sie. Immer wieder sind im Afghanistan-Drama „Zwischen Welten“ Menschen im Halbprofil zu sehen. Oft auch im Halbschatten, in der Dämmerung, im Zwielicht. Der Kopf eine Silhouette. Zwischen dem Ich und der Welt nur die zarte Barriere aus auf- und zuklappenden Wimpernhärchen. Ein intimer, zugleich diskreter Anblick. Für einen Kriegsfilm, der „Zwischen Welten“ auch ist, eigentlich ein viel zu fein ziseliertes Bild.

Warum sie zu Wimpern so ein obsessives Verhältnis hat? Judith Kaufmann lächelt. „Sie lassen dem Gesicht ein Geheimnis“, sagt sie. Und dass es aufregend sei, den Menschen nicht direkt in die Augen zu schauen und trotzdem zu spüren, was sie empfinden.

Distanz in der Nähe entdecken, Wegsehen beim Hinsehen, das Sichtbare jenseits des Sagbaren, das Offensichtliche einfangen, das ist es, was die wichtigste Kamerafrau des zeitgenössischen deutschen Kinos macht. Woran man ihre Bildsprache sofort erkennt.

Ein Märznachmittag am Marheinekeplatz in Kreuzberg. Sonnig, fast sommerlich, Flohmarkttrubel, Kinderwagen, Kaffeetrinker, Afghanistan ist sehr weit weg. Sie könne nur sonntags, hat Judith Kaufmann vorher entschuldigend gesagt. Ihrer laufenden Dreharbeiten wegen. Feo Aladags von ihr fotografierte Soldatengeschichte „Zwischen Welten“, bei der Berlinale im Wettbewerb gezeigt und kontrovers diskutiert, kommt jetzt ins Kino. Derweil dreht Kaufmann mit Matti Geschonneck in Berlin einen weiteren Film: „Das Zeugenhaus“, eine ZDF-Produktion mit Iris Berben, Matthias Brandt und Edgar Selge. Fürs Fernsehen drehe sie nicht anders als fürs Kino, zumal die Kinofilme sowieso auf DVD landen, sagt Kaufmann. „Aber ich arbeite lieber fürs Kino, da dürften die Geschichten mehr Raum und Tiefe haben.“ Und Sätze wie: „Die Frauen sollen jünger aussehen“ höre sie nur bei Fernsehproduktionen.

Sie arbeitet gerne mit Regiedebütanten

Sie ist bekannt dafür, Filmangebote, die ihr unwesentlich erscheinen, abzulehnen. Und dafür, gerne mit experimentierfreudigen Regiedebütanten zu arbeiten. Geschichte, Regie und Darsteller müssten stimmen, „dann suche ich dafür Bilder“. Welche, die beiläufig wirken und doch durch und durch gestaltet sind. Sie sind ihr bildnerisches Ideal. Die hat sie für Filme wie „Die Fremde“, „Sein letztes Rennen“, „Scherbentanz“, „Vier Minuten“, „Elefantenherz“, „Erbsen auf halb sechs“ oder „Fremde Haut“ gefunden. Dafür hat sie wichtige Preise gewonnen, Aufsätze und Laudationes gewidmet bekommen. Keine dieser Lobeshymnen hat sie weniger skrupulös gemacht.

Judith Kaufmann, Jahrgang 1962, in Berlin am Schlachtensee aufgewachsene Tochter einer Schauspielerin und eines österreichischen Verlegers mit ebensolchem Pass, ist eine so zierliche wie zähe Erscheinung. Sehr verbindlich, sehr auf jeden Gedanken, jeden Satz bedacht. Filmische Perfektion interessiere sie nicht, sagt Kaufmann, von der man sich ihrer stillen Autorität wegen nur ungern selbst bei einem Fehler ertappen lassen möchte. Und als Begründung dafür, warum sie es nach mehr als 30 Jahren hinter der Kamera nicht mal mit Regie probiert: „Das Kommunizieren mit Worten ist nicht meine Leidenschaft.“

Ihre ist es, für die Nöte eines afghanischen Übersetzers und eines deutschen Bundeswehrsoldaten, die sich in „Zwischen Welten“ zögernd annähern, Bilder zu finden, die wesentlich sind. Die die unerträgliche Hitze spürbar machen, das Misstrauen, die Todesangst, die Absurdität der kulturellen und religiösen Gegensätze, die unmögliche Mission der deutschen Einsatzkräfte. Aber auch die Farbigkeit der Städte, das klare Licht der Wüste und die Staubschwaden, die die Militärkolonnen als auf- und abziehender Nebel begleiten und wie die Metapher gewordene Undurchsichtigkeit der Verhältnisse aussehen. So was sei Glück, sei Fügung, sagt Judith Kaufmann, das könne man nicht planen. So wenig wie ein visuelles Konzept in einem Kriegsgebiet.

„Der Dreh lief unter immensem Zeitdruck, schon wegen der Sicherheitslage.“ Sie mag das. Die Motive nehmen, die man findet, mit wenig Mitteln arbeiten. „Aus Improvisation und Zeitdruck entsteht Reduktion, die empfinde ich meistens als Geschenk.“ So wie die Chance, Afghanistan und das Bundeswehrcamp, wo die Crew gelebt hat, von innen kennenzulernen. Feo Aladag führt die Kamerafrau als Co- Drehbuchautorin auf. Die beiden haben die Geschichte entwickelt und sind bereits vor Drehbeginn zum Recherchieren nach Afghanistan gereist. Trotzdem war Judith Kaufmann mulmig zumute. Weniger bei der Arbeit. „Das sind ja professionalisierte Abläufe, da bleibt für Angst keine Zeit, und hinter der Kamera fühle ich mich zu Hause.“ Aber sonst schon.

Übrigens war der technische Aufwand der mit zwei Arri Alexas arbeitenden Kameraabteilung bei aller Beschränkung groß. Afghanistan verfügt nun mal über keine Filmdienstleister-Infrastruktur, folglich musste Kaufmanns Crew das Licht- und Kameraequipment aus Deutschland mitbringen.

Die Temperatur einer Geschichte erspüren

Anderthalb Wochen später. Ein Märzmorgen in Grunewald. Sonnig, fast sommerlich, verwaiste Straßen, gediegener Wohlstand. Afghanistan ist sehr weit weg, doch Nürnberg ist hier. Filmtrucks und zwei Lichtbühnen im Vorgarten einer Jugendstilvilla markieren das Set. Unten strahlen zwei Spots, weiche Reflektoren führen das Licht in verhängte Hochparterrefenster. Drinnen schultert Judith Kaufmann eine Arri Alexa. Sie arbeitet nie vom Stativ. Ist ihr zu unfrei. Sie bevorzugt Handkamera oder die Kamera auf dem beweglichen Jib Arm.

Es ist der 18. von 30 Drehtagen der Geschichte über ein Haus, in dem die Amerikaner die Zeugen der Nürnberger Prozesse kasernierten. Eine aufwendige Produktion, mehr als 30 Leute im Stab. „Jetzt hat es mir doch glatt die Batterie vom Bein gerissen“, sagt Schauspieler Udo Samel, als er bei der Stellprobe abgeht. Die gesamte Crew ist verkabelt. Kaum ein lautes Wort erklingt. Kamerafrau Kaufmann und Regisseur Geschonneck haben 2012 schon miteinander gearbeitet. Bei dem mit Deutschem Fernsehpreis und Grimme-Preis ausgezeichneten Drama „Das Ende einer Nacht“. Sie sind ein ruhiges, konzentriertes, in Schwarz gewandetes Duo. „Wir teilen eine Weltanschauung, das Gespür für die Temperatur einer Geschichte“, sagt Geschonneck sorgsam die Worte wägend in einer Ecke. Kaufmanns Assistent Michael Rathgeber lobt ihr Licht, ihre Kameraführung, ihre Kadrage und – ihre Unterstützung seiner Ambition, selbst erster Kameramann zu werden. Nicht durchweg üblich in der Branche.

Zweieinhalb Stunden geht es jetzt darum, eine Szene hinzukriegen, in der eine Schauspielerin eine andere mit heißem Tee übergießt. Der Dampf soll echt aussehen. Ebenso wie das für Judith Kaufmann untypische historische Setting. Da habe man bei vielen Filmen das Gefühl, gar nicht in der erzählten Zeit zu sein, weil die überladene Ausstattung und die Kostüme Authentizität behaupten wollen, sagt sie. Sie steuert mit Weglassen dagegen, mit dem Vermeiden übervoller Bilder. Auch einen Sepia-Look will sie nicht schaffen. Filter-Fisimatenten misstraut sie so sehr wie der Wirklichkeit. „Purer Naturalismus interessiert mich nicht. Ich suche nach einer Atmosphäre der Verdichtung, der sinnlichen Kraft des Bildes.“ Nach dem Wesentlichen halt.

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