Kammermusik im Jüdischen Museum : Epochale Ereignisse

Zwei wichtige Daten prägen das „intonations“-Programm: Der Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren und der 150. Geburtstag des Komponisten Richard Strauss.

Detlef Giese
Pionier. Der Komponist Richard Strauss im Schicksalsjahr 1914 in London.
Pionier. Der Komponist Richard Strauss im Schicksalsjahr 1914 in London.Foto: akg-images/Imagno

Unsere Erinnerungskultur lebt ganz wesentlich von Jubiläen. So werden die Geburts- oder Sterbejahre bedeutender Komponisten häufig zum Anlass genommen, um sich mit deren Leben und Werk intensiver als sonst auseinanderzusetzen. Aber auch markante historische Zäsuren können Orientierungspunkte sein, um die Musikgeschichte neu zu befragen. Das Jahr 2014 hält Daten in beiderlei Hinsicht bereit: Zum Einen wurde vor 150 Jahren, im Juni 1864, mit Richard Strauss ein zweifellos zentraler Komponist und Dirigent seiner Zeit geboren, zum Anderen jährt sich im August zum 100. Male der Beginn des Ersten Weltkriegs, mit dem das „lange 19. Jahrhundert“ (oder auch, um mit Stefan Zweig zu sprechen, die „Welt von gestern“) zu Ende ging.

Beide Jahrestage gilt es zu reflektieren – mit einem möglichst umfassenden, differenzierten Blick und zugleich mit dem Gespür für Zusammenhänge, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen.

Richard Strauss zählt gemeinsam mit seinem Generationskollegen Gustav Mahler zu den wichtigen Wegbereitern einer musikalischen „Moderne“, die in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg dann mit Vehemenz durchbrechen sollte. Mit seinen Tondichtungen für großes Orchester, aber auch mit zahlreichen anderen Werken hat er der Musikentwicklung entscheidende Impulse gegeben. Zumindest bis kurz nach 1900 verkörperte Strauss die ästhetische Avantgarde, wenngleich er sich in den letzten Jahrzehnten seines langen, erfüllten Lebens immer mehr zum Konservativen wandelte, der in der Berufung auf traditionelle Formen und Stile seine Bestimmung fand.

Innovation steht neben Bewahrung

Strauss wirkte in der musikalischen Öffentlichkeit oft genug polarisierend – sei es als zunächst mit kühnem Schwung über Althergebrachtes hinweggehender junger, ungemein ehrgeiziger Komponist, sei es als etablierter Künstler, der als allgemein anerkannter „Großmeister“ Einfluss besaß, sei es darüber hinaus auch als maßgeblicher Repräsentant des deutschen Kulturlebens, der sich zuweilen auch politisch vereinnahmen ließ. Strauss, soviel steht fest, hat auf vielfache Weise die Musikgeschichte des späten 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt.

Innovation steht neben Bewahrung. Das gilt auch für seine Kammermusik, die er von früher Jugend an bis ins hohe Alter geschrieben hat. Das Festival „intonations“ bietet eine Auswahl davon: von der Violinsonate des 23-Jährigen bis zu den „Metamorphosen“ und dem Streichsextett aus der letzten Oper „Capriccio“, die in den 1940er Jahren entstanden. Aber auch andere Genres sind vertreten: in Gestalt von „Enoch Arden“ steht ein Melodram für Sprecher und Klavier auf dem Programm, darüber hinaus eine Bearbeitung der geistreichen Suite zu Molières „Der Bürger als Edelmann“. Und Lieder aus der Feder des Ausnahmekünstlers Richard Strauss sollten ebenfalls nicht fehlen.

Als im Sommer 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, war Strauss Generalmusikdirektor an der Berliner Hofoper. Zu diesem Zeitpunkt hat er – wie viele seiner Zeitgenossen auch – kaum ahnen können, wie tiefgreifend diese von den europäischen Mächten verursachte Katastrophe Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur erschüttern sollte. Die Jahre bis 1918 wurden zum großen Einschnitt, zu einer als traumatisch empfundenen Epochenzäsur. Ob auf den Schlachtfeldern oder in der Heimat – jeder war vom Krieg betroffen, von Hunger und Entbehrung, Sterben und Tod. Die unmittelbar berührenden und die gesamte Existenz ergreifenden Erfahrungen haben sich unauslöschbar im kollektiven Bewusstsein verankert.

Der Krieg löste einen Modernisierungsschub aus

Der Zusammenbruch der alten Ordnung im Zuge von Kriegsereignissen und Revolutionen führte zu einem neuen kulturellen Klima und zu neuen Mentalitäten. Der Krieg löste einen beispiellosen Modernisierungsschub aus, gerade auch in den Künsten: Die so häufig legendenhaft verklärten „Goldenen Zwanziger“ mit ihrem besonderen Sinn für Neues und ihrem ausgeprägten Experimentiergeist sind ohne die Spannungen und Entladungen des Krieges sicher nicht denkbar.

Das Bewusstwerden von Modernität geht wesentlich von dem Gefühl aus, mit der Vergangenheit, mit ihren Werten und Überzeugungen, gebrochen zu haben. Gleichwohl wirkt die Tradition als Bindeglied zu ebendieser Geschichte. Gerade auch in der Kriegs- und Nachkriegszeit gab es ein Nebeneinander unterschiedlicher ästhetischer Strömungen, die friedlich koexistieren konnten, sich mitunter aber auch wechselseitig bekämpften. Nationale Differenzen blieben nach wie vor bestehen, auch wenn das Bewusstsein stärker um sich griff, sich nach dem massiven Ausbruch des Völkerhasses im Krieg auf die gemeinsamen Wurzeln zu besinnen.

Die Musik der zweiten Dekade des 20. Jahrhunderts, die Kriegsjahre mit einschließend, zeigt ein ungemein reichhaltiges Bild. Ein faszinierendes Panorama baut sich vor dem Hörer auf: Deutsche Spätromantik steht neben französischer Moderne, dazu gewinnt die Musik von den Rändern Europas mit ihren individuellen Zügen immer mehr an Bedeutung. Avanciertes Komponieren musste sich gegen ein erstaunlich resistentes Traditionsdenken behaupten – die Zeit des Ersten Weltkrieges ist nicht zuletzt auch eine Phase der verschärften Auseinandersetzung um die „Neue Musik“.

Neben Mozart kommen auch zeitgenössische Komponisten zu Gehör

Auch dieser Aspekt wird in den Konzerten reflektiert werden: Ein Schüler Schönbergs ist vertreten – Anton Webern –, dazu Kurt Weill und Rudi Stephan, der 1915 im Weltkrieg sein Leben ließ. Max Reger, der im Jahr darauf verstarb, ist ebenso in das Programm einbezogen wie seine französischen Kollegen Claude Debussy und Maurice Ravel.

Mit Edward Elgar und Karol Szymanowski kommen Komponisten aus England und Polen zu Gehör, die auf je eigene Weise die europäische Musik der Zeit bereichert haben. Und schließlich ist der 1944 in Auschwitz ermordete Viktor Ullmann zu nennen, von dem die eindrucksvolle „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ zur Aufführung gelangt.

Traditionelles und Zeitgenössisches beziehungsreich miteinander zu verknüpfen, ist sicher eine der vornehmsten Aufgaben eines Kammermusikfestivals. So wird 2014 auch der Bogen weit gespannt: von Mozart bis hin zu neueren und neuesten Werken von Aribert Reimann und David Robert Coleman.

Auch abseits von Jahrestagen soll die Musik zu ihrem Recht kommen, zumal solche von hoher künstlerischer Qualität. Und dass ein Komponist wie Richard Strauss sich von Mozart nachhaltig inspirieren ließ und diese Anregungen in einen eigenen Stil ummünzte, bezeugt einmal mehr die Tatsache, dass über Generationen hinweg Zusammenhänge hergestellt werden können.

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