Kammermusik : Nachts im Museum

Frederik Hanssen folgt Kammermusikern fast überall hin - auch ins Museum.

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Berliner Klassikfans lieben es XXL: Ganz große Sinfonik in ganz großen Sälen; und je glanzvoller, trompetenschmetternder das Stück endet, desto lauter ist hinterher der Jubel. Die kleine Form dagegen hat es schwer in der Hauptstadt. Liederabende, Klavier-Recitals und Streichquartette vermögen sich kaum Gehör zu verschaffen in dieser dauerlauten Metropole. Hinzu kommt, dass der sogenannte „Kammermusiksaal“ am Kulturforum mit 1000 Plätzen grotesk überdimensioniert ist. Selbst die exquisiten Formationen der Berliner Philharmoniker können ihn kaum je füllen.

Der neueste Trend heißt darum: ab ins Museum mit der Kammermusik! Nicht, um jene Partituren endgültig einzumotten, die nur wenige hören wollen, sondern – im Gegenteil – um Räume zu finden, in denen sich das Häuflein der Interessierten nicht verloren fühlt. In Ermangelung alter Adelspalais’ werden also Berliner Bildersäle zu Salons.

In dieser Saison beispielsweise präsentiert das Deutsche Symphonie-Orchester im Bodemuseum und der Gemäldegalerie nächtliche Konzerte um 22 Uhr. Das Rundfunk-Sinfonieorchester dagegen hat das Neue Museum für sich entdeckt. Beim „Ultraschall-Festival“ wird das Ensemble Modern Mies van der Rohes Nationalgalerie bespielen. Und die Musiker der Staatskapelle treten ebenfalls im Bode-Museum auf.

Vorgemacht haben es die kommerziellen Veranstalter: Nachdem er jahrelang Techno-Clubs, Zirkuszelte und U-Bahnhöfe bespielt hat, zeigt Opernimpresario Christoph Hagel seine Produktionen mittlerweile am liebsten in staatlichen Kunstinstituten. Und ein „Residenz Orchester“ versorgt Hauptstadt-Touristen nach dem Vorbild der Wiener „Perückenkonzerte“ mit harmonischer Unterhaltung in der Orangerie von Schloss Charlottenburg.

So attraktiv die Ausweichmanöver der Musiker in museale Gefilde im Einzelfall auch sein mögen – auf die Dauer braucht Berlin einen zentralen Ort für Kammermusik, der räumliche Intimität mit idealen akustischen Bedingungen kombiniert. Es gibt ihn bereits, direkt gegenüber vom Kulturforum, geschaffen sogar vom Philharmonie-Architekten Hans Scharoun: den Otto-Braun-Saal mit 480 Plätzen. Im Rahmen der Asbestsanierung der Staatsbibliothek wird er im kommenden Jahr generalüberholt. Wenn der neue Philharmoniker-Intendant Martin Hoffmann pfiffig ist, holt er den bislang vom „Referat Innerer Dienst“ der Stabi nach allen Regeln der Bürokratie betreuten Saal so schnell wie möglich unter das organisatorische Dach der Philharmonie-Stiftung.

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