Kultur : Kampf den Genies

Frank Noack

fragt sich, was von Provokationen übrig bleibt Manche Regisseure werden unterschätzt, andere überschätzt. Ken Russell hat beides erlebt. Eben noch als gesellschaftskritischer Autorenfilmer ernst genommen, wandelte sich die Einschätzung innerhalb weniger Jahre zum Produzenten seichter Altmännerfantasien. So abwechslungsreich wie die Rezeption seiner Filme war auch sein Leben. 1927 in Southampton geboren, sollte er das elterliche Schuhgeschäft übernehmen, entschied sich jedoch für eine Karriere als Balletttänzer, wurde Schauspieler und schließlich Fotograf. Für den Fernsehsender BBC schuf er unkonventionelle Dokumentarfilme über Maler und Komponisten. International berühmt (und für den Regie-Oscar nominiert) wurde er 1970 mit der D.H. Lawrence-Verfilmung „Liebende Frauen“, doch Kultstatus erlangte er mit Angriffen gegen den Geniekult. Entmystifizierung nannte man das damals. Russell führte Genies in Unterhosen vor. Niemand war vor ihm sicher: Komponisten wie Tschaikowsky, Mahler und Liszt ebenso wenig wie der Bildhauer Gaudier-Brzeska. Russell befasste sich mit Rudolph Valentino, Oscar Wilde, Uri Geller, aber auch – ganz seriös und ehrfürchtig – mit dem Dreyfus-Justizskandal. Das Lichtblick-Kino widmet ihm eine Retrospektive, die sich um Vollständigkeit bemüht. In dieser Woche werden zwei für ihn typische Inszenierungen aus dem Jahr 1975 gezeigt: laut und knallbunt, jeweils mit Roger Daltrey in der Hauptrolle. Tommy , nach der gleichnamigen Rockoper von The Who, ist allein schon wegen der Besetzung sehenswert, allen voran Tina Turner als Acid Queen; um sie herum tummeln sich Elton John, Jack Nicholson und Eric Clapton (täglich außer Freitag). Für Lisztomania ließ Russell überdimensionale Genital-Dekorationen errichten, weil er zeigen wollte, wie Franz Liszt in den Schoß seiner Mutter zurückkehrt, oder wie Revuegirls auf ihm herumreiten. Auf der Tonspur: Musik von Liszt, aber auch Richard Wagner und aktuelle Popsongs (Sonnabend und Mittwoch).

Als Kontrastprogramm zu Russells „Tschaikowsky - Genie und Wahnsinn“ (1971) zeigt die Urania-Filmbühne Carl Froelichs Es war eine rauschende Ballnacht (1939). Es gehört zu den Widersprüchen in der NS-Diktatur, dass parallel zur Hetze gegen „slawische Untermenschen“ slawophile Filme gedreht worden sind, die der „russischen Seele“ huldigten. Das stärkste Musikstück stammt hier allerdings nicht von Tschaikowsky, sondern von Theo Mackeben: Als Tschaikowskys Geliebte singt Zarah Leander „Nur nicht aus Liebe weinen“. Und was macht seine vernachlässigte Ehefrau, wenn sie unglücklich ist? Sie tanzt, schließlich wird sie von Marika Rökk gespielt. Das verleiht dem Film trotz seiner äußeren Seriosität einen leichten Ken-Russell-Touch (Montag).

Bei allem Respekt vor Russell: Weh getan haben seine filmischen Provokationen nicht, dazu waren sie zu verspielt und albern. Anders lag der Fall bei Edward Dmytriks Thriller Crossfire (1947), der sich mit dem Antisemitismus im US-Militär befasst hat. Kein Geringerer als Max Horkheimer ist um seine Meinung zu dem Projekt gebeten worden, und riet davon ab, den Film zu drehen. Die bloße Erwähnung von Antisemitismus als Mordmotiv könnte schlafende Hunde wecken und Gewalthandlungen inspirieren, selbst wenn diese im Film verurteilt werden. Gedreht wurde trotzdem. Im darauffolgenden Jahr wurden Regisseur, Produzent und Drehbuchautor jeweils für einen Oscar nominiert; zugleich kamen alle drei wegen ihrer Nähe zur kommunistischen Partei auf die berüchtigte „schwarze Liste“. So viel Lob und Tadel auf einmal hat Ken Russell nie erlebt (Sonntag im Zeughaus Kino).

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