Kultur : Kampf der Akademiker Ein Band zur Forschung im Kalten Krieg

Hannes Schwenger

Es klingt ein wenig altmodisch, wie ein Essay von Heinrich Mann: „Macht und Geist“. Aber es ist ein Sammelband zu einem noch immer sehr brisanten Thema, der Rolle von Intellektuellen und wissenschaftlichen „Think Tanks“ im Kalten Krieg. Die amerikanische Historikerin Rebecca Lowen schätzt sie als so bedeutend ein, dass sie in ihrem Beitrag zu dem vorliegenden Sammelband von einem „militärisch-industriell- akademischen Komplex“ in den USA spricht. Sie zeichnet nach, wie sich die militärische Patronage für Forschung und Wissenschaft zu einem Netzwerk gemeinsamer Ziele und persönlicher Ambitionen entwickelte, aus dem langlebige Institutionen und lebensbedrohliche Waffenarsenale hervorgingen. Empfanden sich die beteiligten Wissenschaftler während des Zweiten Weltkriegs und zu Beginn des Kalten Krieges noch als wissenschaftliche Mitstreiter gegen die totalitäre Herausforderung Hitlers und Stalins, wurden sie aus der Sicht ihrer Kritiker dabei mehr und mehr zu Vordenkern des millionenfachen Todes, mit dem sich die Nachkriegsgroßmächte bedrohten.

Denn natürlich verzichteten auch Stalin und seine Nachfolger nicht auf die Rekrutierung der Wissenschaften für die Sicherung und Ausdehnung ihrer Macht, selbst wenn sie nicht zur Bildung eines militärisch-industriell-akademischen Netzwerks führte, sondern in den hierarchischen Bahnen der Parteiherrschaft verlief. Der Sammelband beleuchtet beide Seiten und warnt davor, anzunehmen, das Thema Macht und Geist unter Kriegsbedingungen sei abgeschlossen. Der im Kalten Krieg entstandene „Kernbestand von Ideen und Haltungen“ hat nach Greiners Urteil noch immer eine einflussreiche Anhängerschaft: „Konkurrenz mit Hochrüstung auf Distanz halten, Terror mit Gegenterror bekämpfen, Krieg als Naturgesetz in einer Darwin’schen Welt des Überlebenskampfes begreifen – so krude derlei Meinungen auch anmuten mögen, ihre Virulenz ist angesichts des seit 9/11 geführten ,Kriegs gegen den Terror’ kaum zu übersehen. Insofern hat eine Bestandsaufnahme der Erbmassen des Kalten Krieges auch ihren festen Platz in der Diagnose der Zeit.“

Die Bestandsaufnahme umfasst 26 Beiträge amerikanischer und deutscher Historiker zum Ost-West-Konflikt und der Rolle akademischer und intellektueller Aktivisten im Kalten Krieg. Kurze Rückblicke beleuchten die Anfänge politischer Indienstnahme amerikanischer Wissenschaftler für Roosevelts New Deal und den Krieg gegen Hitler, an der sich auch deutsche Wissenschaftler im Exil beteiligten. Es waren zugleich die Anfänge der amerikanischen Sowjetologie, zu deren Vätern kein Geringerer als Herbert Marcuse zählt. Das ist hierzulande natürlich besser bekannt als die Vorgeschichte und Personnage der sowjetischen Hilfswissenschaften im Kalten Krieg. Sie ist gekennzeichnet von mehrfachen Kehrtwendungen, wenn Stalin zwar frühzeitig auf Bildung und wissenschaftlichen Fortschritt in der Sowjetunion setzte, aber erst 1945 eine zaghafte Öffnung zu internationalem Austausch zuließ und schon bald wieder beendete. Während im Krieg und danach die militärische Nutzung der Wissenschaften dominierte, entwickelte sich unter Stalins Nachfolgern – analog zu den amerikanischen Sowjetologen – eine Garde von russischen „Westologen“, die ein Beitrag von Wladislaw M. Subok erstmals eingehend vorstellt. Ein spannender Beitrag von Constantin Katsakioris schildert die Geschichte, Erfolge und Misserfolge der Moskauer Universität der Völkerfreundschaft (Lumumba-Universität), ein anderer von Sönke Kunkel amerikanische Versuche des Nation Building durch Wissenstransfer und gezielte „Modernisierung“.

Dass auch Propaganda und Psychologische Kriegsführung zur Sprache kommen, hat mit Geist wenig, aber umso mehr mit Macht zu tun. Erst recht alle anderen Themen des Buches wie die Rezeption von Kybernetik und Spieltheorie für die Strategien und Planspiele des ökonomischen und militärischen Wettrüstens, die Debatten um Erst- und Zweitschlagfähigkeit im Kriegsfall und die Antwort friedensbewegter Wissenschaftler auf die dann drohende Apokalypse. Ein Seitenblick fällt auf die Zukunftswissenschaften und den deutschen Beitrag des Berliner Politologen Ossip K. Flechtheim, den Begründer der wissenschaftlichen Futurologie und Mitdenker eines „Dritten Wegs“ zwischen den Machtblöcken des Kalten Kriegs. Aber der hatte keine Chance. Hannes Schwenger





– Bernd Greiner, Tim B. Müller, Claudia Weber (Hg.):
Macht und Geist im Kalten Krieg. Hamburger Edition, Hamburg 2012. 544 Seiten, 35 Euro.

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