Kultur : Kampf gegen Drogen: Der verlorene Krieg

Ariel Hauptmeier

Auf den ersten Blick erscheint die Sache ganz einfach. Je mehr Kokain in den USA beschlagnahmt wird, desto weniger wird auf den Straßen verkauft. Je häufiger die Polizei Drogenkartelle zerschlägt, desto aufwendiger ist der Transport des Stoffes. Und je größer Kokafelder sind, die man in Südamerika zerstört, desto spärlicher fließt der Nachschub. Crack und Koks werden teurer, immer weniger Leute können sich die Drogen leisten, also sinkt die Zahl der Abhängigen, der verwahrlosten Kinder, der Diebstähle und Morde, und die Welt wird ein klein bisschen besser.

Das ist, in groben Zügen, die Logik des "War on drugs". Die USA führen diesen Drogenkrieg seit 20 Jahren, geben gigantische Summen dafür aus und verlieren doch eine Schlacht nach der anderen. Als Ronald Reagan seinen Kreuzzug Anfang der 80er Jahre initiierte, konnte er nicht wissen, dass sein Aufruf den längsten Krieg der amerikanischen Geschichte eröffnete, der allein in diesem Jahr knapp 20 Milliarden Dollar verschlingt, fast so viel wie Deutschland für seine Bundeswehr ausgibt.

Ein vergeblicher Aufwand. Die Reichen und Schönen werden soviel schnupfen wie noch nie, die Armen und Ausgeschlossenen weiter an ihren Crackpfeifen saugen und die Preise für den Stoff eher sinken. Wo eine Nachfrage ist, ist auch ein Markt - ausgerechnet die USA missachten diese eiserne Grundregel des Kapitalismus und versuchen, sie mit Gewalt auszuhebeln.

Das neue Feindbild - Koks

Ein Krieg, der nicht zu gewinnen ist - kein Wunder, dass nach Steven Soderberghs Berlinale-Triumph "Traffic" nun mit Ted Demmes "Blow" schon der zweite ambitionierte Hollywood-Film sich der Komplexität des Drogenhandels widmet. "Traffic" demonstrierte, wie die Grenzen zwischen Gut und Böse im Labyrinth des Drogenkrieges verschwimmen. So war dem smarten mexikanischen Straßenbullen klar, dass jede Verhaftung eines Dealers nur dem konkurrierenden Kartell nützt. Trotzdem ging er weiter seinem Job nach. Während der oberste US-Rauschgiftbekämpfer Strategien zur Eindämmung des Drogenimports ersann, musste er hilflos mitansehen, wie seine Tochter Crack rauchte, aus Überdruss und Langeweile. Schließlich kämpfte die Gattin eines Kokainkönigs nach dessen Verhaftung um ihre bürgerliche Existenz, indem sie selbst in den Drogenhandel einstieg. Soderbergh war eine nüchterne Bestandaufnahme des "War on drugs" und seiner Sinnlosigkeit gelungen.

Am Donnerstag kommt mit Demmes "Blow" ein Film in die Kinos, der deutlich einfacher gestrickt ist, in den USA aber ebenfalls für Verwirrung gesorgt hat. Denn er basiert auf der wahren Lebensgeschichte George Jungs, der in den 70er Jahren zum ersten großen Kokainimporteur der USA aufstieg und von Johnny Depp verkörpert wird. Traditionell hat Hollywood Rauschgiftbosse mit Kolumbianern, Italienern, Russen oder Chinesen besetzt. Das entsprach der Auffassung vieler US-Politiker, die bis heute behaupten, Drogen würden ihr Land von außen bedrohen. Nach dem Ende des Kalten Krieges ist Rauschgift zum neuen Feindbild aufgestiegen. So wird der "War on drugs" wie ein Verteidigungskrieg geführt.

Doch das Rauschbedürfnis entsteht in der Mitte der Gesellschaft, der Drogenkrieg müsste "gegen die eigenen Familien geführt werden", hieß es in "Traffic". Schon die erste große Kokswelle in den 70er Jahren war von "Blow"-Protagonist George Jung, einem lässigen Kleinkapitalisten aus Weymouth, Massachusetts, initiiert worden, der die Gefahren des Geschäfts kannte, ignorierte und zum Drogenmillionär aufstieg. Zwar endet sein amerikanischer Traum im Knast (der echte George Jung, gegen Ende des Films kurz selbst im Bild, ist noch bis 2014 in Haft). Dennoch enthält sich "Blow" weitgehend moralischer Urteile. In einem Land, in dem konservative Politiker für Leute wie Jung die Todesstrafe fordern, ist das eine Provokation.

Kokain wird Hollywood als Thema erhalten bleiben, seine Vielschichtigkeit macht es zu einem dankbaren Objekt: Alle stecken drin - der Polizist, der die Preise stabilisiert, ebenso wie der Freizeitkokser, der das Blut an seinem Tütchen nicht sehen will, oder der Dealer, der sich Koks zu einer "Ware wie jede andere" schön redet, auch der Politiker, der gegen Crack zu Felde zieht, weil das einfacher ist, als gegen die steigende Armut in den Suburbs zu kämpfen.

Auch Ronald Reagan machte sich als geistiger Vater der Kampagne die Finger schmutzig. Erst rüstete er den Kampf gegen den Drogenmissbrauch rhetorisch zum "Krieg" auf - was gefährlich ist, denn nun steht die nationale Ehre auf dem Spiel und einen Krieg darf Amerika niemalsverlieren. Dessen ungeachtet schaute der amerikanische Geheimdienst CIA unter Reagan demonstrativ weg, als die honduranischen Contras ins Kokaingeschäft einstiegen, um ihren Krieg gegen Nicaragua zu finanzieren.

Das geschah Mitte der 80er Jahre, als ein junger Mann namens Ricky Ross Kalifornien mit Crack überschwemmte, also Backpulver mit Kokain vermengte. Damals stiegen die Gewinne der kolumbianischen Kartelle ins Unermessliche. Pablo Escobar verdiente eine Million Dollar pro Tag, erklärte Kolumbien den Krieg und setzte 1000 Dollar Kopfgeld auf jeden Polizisten aus, der Jagd auf ihn machte. In Bolivien hat Kokain wenig später einen Staatsstreich ausgelöst. Es gibt zahllose Geschichten, die die Macht der Drogen-Kartelle, Glanz und Elend einer Aufputschkultur in Süd-, Mittel- und Nordamerika belegen. Sie finden sich in dem soeben erschienenen Buch "Cocaine. An Unauthorised Biography" von Dominic Streatfeild, das bislang nur auf Englisch vorliegt (Virgin Books, London 2001, 496 Seiten, 68,70 Mark). In dem äußerst informativen und unterhaltsamen Bericht entführt Streatfield den Leser auf eine zwei Jahre lange Reise. Sie beginnt in der Londoner Nationalbibliothek, führt weiter in die USA, zu den Zellen von George Jung und Ricky Ross, und von da Richtung Süden, über Mexiko nach Kolumbien, zu den Resten des Medellín-Kartells (Pablo Escobar) und dann zur marxistischen FARC-Guerrilla. Die "beschützt" Kokafelder und verdient damit geschätzte 500 Millionen Mark im Jahr, die sie in neue, hochmoderne Waffen umsetzt. Um den kolumbianischen Staat zu stützen, haben die USA ihre Militärhilfe drastisch erhöht und unter anderem 60 Kampfhubschrauber an die Armee geliefert. Der "War on drugs" ist kein Schlagwort mehr - inzwischen sieht er auch so aus.

Die Sucht nach mehr

Einen Krieg, den man nicht gewinnen kann, sollte man nicht führen. Wie wäre es also, wenn man ihn dadurch beendete, dass man Kokain legalisiert? Kein Land hat in den vergangenen Jahrzehnten dieses Experiment gewagt, aber wahrscheinlich geschähe folgendes: Die Gewinne der Drogenmafia würden sinken, Kolumbien, weltweit größter Koksproduzent, würde friedlicher werden, der Stoff in den USA (und Europa) würde reiner und ungefährlicher auf den Markt gelangen und die Beschaffungskriminalität ginge zurück. Die Zahl der Abhängigen allerdings würde steigen.

Denn zweifellos gehört Kokain zu den lustvollsten Dingen, die man kaufen kann. Doch Kokain macht kalt und überheblich und führt zu schlimmen Halluzinationen, den berüchtigten cocaine bugs, Käfer, die unter die Haut kriechen und Juckreize bis zur Selbstverstümmelung auslösen.

Das Suchtpotenzial von Kokain ist höher als das jeder anderen Droge. In den 60er Jahren haben Wissenschaftler folgendes Experiment gemacht: Sie stellten einer Gruppe von Laborratten Heroin in den Käfig, während eine zweite Rattenfamilie mit Kokain versorgt wurde. Heroin hat die Eigenschaft, zu beruhigen, es macht schläfrig und zufrieden. Kokain hingegen macht erst hellwach und ein Gefühl wahnsinniger Euphorie, dann depressiv, Lust auf mehr, wieder depressiv, Lust auf noch mehr usw. Als der Test nach einem Monat abgeschlossen wurde, war die erste Rattengruppe schwer heroinabhängig, aber gesund. Sämtliche Kokainratten hingegen waren tot. Sie waren gestorben an der Erschöpfung tagelanger binges, Koks-Orgien, angetrieben von der endlosen Gier nach immer mehr Stoff.

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