Kultur : Kampf um die Mitte

Stadtschloss, Museumsinsel und die Ideologie: Wie soll sich Berlin verändern? / Von Hans Stimmann

In Kürze wird der vollständig neue Entwurf für das Eingangsgebäude zur Museumsinsel vorgestellt. Der bisherige Entwurf von David Chipperfield stieß auf heftige Kritik und provozierte den Ruf nach einem Bürgerbegehren. Nun meldet sich Hans Stimmann zu Wort, Senatsbaudirektor von 1991 bis 2006. Seine Vorgaben für Neubauten waren stark umstritten. Mit dem „Planwerk Innenstadt“ von 1999 versuchte Stimmann, die Entwicklung Berlins bindend festzulegen.

Erinnern wir uns noch, wie heftig und fundamentalistisch Anfang der neunziger Jahre über den Städtebau und die Architektur für die neue Hauptstadt gestritten wurde? Die Schlachten sind geschlagen und die unter dem Gewitter dieses öffentlichen Diskurses (wieder-) entstandenen Straßen, Plätze und Gebäude in kürzester Zeit Teil der Identität Berlins geworden. Das gilt auch für die bereits wiedererstandenen Teile der Museumsinsel mit dem seinerzeit höchst umstrittenen neuen Lustgarten bis zum sorgfältig restaurierten Bode-Museum.

Die für Berlin typischen Debatten über Architektur sind aber nicht abgeschlossen, sondern ihr Schwerpunkt hat sich lediglich in die historische Mitte verlagert. Gestritten wird nun mit schweren ideologischen Argumenten um die teilweise Rekonstruktion des Stadtschlosses für das Humboldt-Forum, über die Art der Rekonstruktion des Neuen Museums und über die Architektur des seit Anfang der neunziger Jahre geplanten neuen Eingangs-, Empfangs- und Dienstleistungsgebäudes für alle Museen am Kupfergraben. Im Zentrum dieser Debatte brodelt immer noch der Grundsatzstreit über die Angemessenheit neuer Architektur im Umgang mit Geschichte, über Rekonstruktion und Moderne. Die Debatten sind oft ermüdend, manchmal redundant, vor allem zeitraubend, aber grundsätzlich höchst sinnvoll. Schließlich geht es um die Neugestaltung und Neunutzung des leer gefegten Stadt- und Staatszentrums Berlins und um die Rolle, die der Kultur und Wissenschaft dabei zukommt.

Diese Dimension der Aufgabe wird gerade jetzt mit dem allmählichen Verschwinden des Palastes der Republik sichtbar. In wenigen Monaten wird man, historisch einzigartig, von Friedrichswerder aus quer durch das mittelalterliche Zentrum sehen können. Nur wer sich diese Leere sowie die bauliche Erinnerungslosigkeit bewusst macht, kann die Leidenschaft verstehen, mit der gerade an dieser Stelle über das Maß der Rekonstruktion ausgelöschter Stadträume und zerbombter und später abgerissener Gebäude gestritten wird. Dabei steht das Schloss natürlich im Mittelpunkt – historisch zwar nicht als Endpunkt, sondern als Ausgangspunkt, der für die Entwicklung der Museumsinsel entscheidend war.

Die beiden Entwurfs- und Bauaufgaben hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) 1998/99 dem Londoner Architekten David Chipperfield anvertraut. Über die von ihm vorgeschlagenen Lösungen wird verwaltungsintern seit Jahren heftig gestritten. Am weitesten geht eine prominent unterstützte Bürgerinitiative, die die vollständige Wiederherstellung des Stülerschen Treppenhauses im Neuen Museum verlangt und die Architektur des verkürzt „Eingangsgebäude“ genannten Neubaus am Kupfergraben kritisiert, weil es unverträglich mit dem Status der Insel als Weltkulturerbe sei. Das Volksbegehren, das sie anstrebt, ist ein Novum in der langen Tradition Berliner Debatten über Architektur.

Der vor allem wegen seiner Museumsbauten hoch angesehene Architekt versteht die Proteste nicht, hält sie für eine pure „Medienkampagne“ und die Kritiker seiner Projekte für „Kleingeister“, die zudem den Entwurf seines Neubaus gar nicht kennen würden, weil er noch gar nicht existiere. „Nicht einmal ich selbst weiß im Moment, wie er aussehen soll“ (Die Zeit, 22. März 2007). Und auch der Präsident der Stiftung, Klaus-Dieter Lehmann bläst in dieses Horn und behauptet, „gestritten wird über ein Phantom“ (Tagesspiegel, 20.März 2007).

Wie kann das sein, fragen sich wahrscheinlich nicht nur langjährige Akteure im Berliner Architektendschungel? Hat nicht gerade der Bundestag 73 Millionen Euro für den Neubau bewilligt? Seit wann ist es zulässig, Baumittel für ein Projekt dieser Dimension und Bedeutung ohne einen von einer Jury abgesegneten Entwurf zu bewilligen?

Um den Streit um den Entwurf für das Neue Museum einzuordnen, muss man daran erinnern, dass es Chipperfield selbst war, der versprochen hatte, es „so vollständig und authentisch wie möglich“ wieder aufzubauen. Dabei sollte der Höhepunkt die vollständige Wiederherstellung des Treppenhauses bilden. Wieso wird diese Position heute von ihm und von den Kritikern des Volksbegehrens, als „historistisch“ abgekanzelt? Und taugt „historistisch“ als Schimpfwort angesichts der historistischen Projekte von Schinkel, Stüler und Ihne?

Die Frage stellt sich vor allem dann, wenn man sich in Erinnerung ruft, mit welchen Architektur-Konzepten in den letzten fünfzehn Jahren um die künftige Gestalt der Museumsinsel gestritten worden ist. Beim ersten Wettbewerb 1993/94 behandelte der Sieger, Georgio Grassi, das neue Gebäude wie ein Fragment des abgerissenen Schinkelschen Packhofs, irgendwo zwischen italienischer Renaissance und preußischem Klassizismus. Chipperfield schwelgte damals in Stahl und Glas. Josef Paul Kleihues verzichtete ganz auf eine sichtbare Bebauung. Hans Kolhoff entwarf einen steinernen Solitär im Geiste Schinkels und Frank O.Gehry traktierte die vorhandenen Bauwerke mit einer bewegten Sequenz fünf autonomer Gebäude.

Dass gerade dieses Projekt der leidenschaftlich unterstützte Favorit der damaligen Museumsherren war, und auch Peter-Klaus Schuster, dem heutigen Generaldirektor, als die „größte architektonische Herausforderung Berlins am Ende des 20. Jahrhunderts“ galt, stärkt nicht gerade das Vertrauen in die Kompetenz der künftigen Nutzer, zumindest wenn es um die Baukunst geht. Die Siegerarbeit wurde von den Stiftungsvertretern, die das spektakuläre Projekt von Gehry favorisierten, vehement abgelehnt und in einer dreieinhalb Jahre dauernden Ermattungsdebatte gekippt. Das machte den Weg frei für Chipperfield.

Gleichwohl bleibt die Frage, weshalb die Position des Architekten von 1993/94 von heute aus gesehen so falsch sein soll? Diese Frage stellen sich legitimerweise nicht nur die „Historisten“ der Bürgerinitiative, sondern auch das begeisterte Publikum des sorgfältig rekonstruierten Bode-Museums. Die Tatsache, dass sämtliche Behördenvertreter der jetzigen abstrakt-eleganten Treppenhauslösung zugestimmt haben, ersetzt nicht den öffentlichen Dialog. Vor allem hat die mit Händen zu greifende Sehnsucht nach Schönheit und Ganzheit zerstörter Gebäude nichts zu tun mit dem Versuch einer Geschichtsrevision, sondern ist in einer Stadt, die im Zentrum durch Kriegseinwirkungen mehr als 90 Prozent ihrer Bausubstanz verloren hat, mindestens genauso verständlich wie der Wunsch der Architekten, sich in „der“ Sprache der Moderne des 21. Jahrhunderts in die Museumsinsel einzubringen. Man sollte aber bedenken, dass es gerade dieses „Prinzip der Moderne“ (Lehmann) ist, das vor dem Hintergrund jahrzehntelanger praktischer Erfahrungen mit diesen Prinzipien berechtigtes Misstrauen auslöst.

Der Bezug auf die zeitgenössischen Architektursprachen führt direkt zum neuen Eingangsgebäude, gegen dessen Fassung aus den späten neunziger Jahren zu Recht Bedenken angemeldet wurden. Wie schwer es ist, eine für unsere Zeit angemessene architektonische Antwort zu finden, zeigt ein Blick auf die Wettbewerbsentwürfe der beiden Verfahren sowie der Anstrengungen von Chipperfield, der allerdings sagt, seinen aktuellsten Entwurf selbst noch nicht zu kennen.

Nach der seit 1993/94 andauernden Ouvertüre warten wir gespannt auf die angekündigte Überarbeitung. Bei dessen Beurteilung geht es schließlich nicht nur um die Angemessenheit der Architektur, sondern auch um die Funktion, das Bauvolumen und die Investitionssumme und vielleicht auch um die in Aussicht genommene „James-Simon-Galerie“. Seit wann entsteht im Eingangsgebäude eine „Galerie“, deren Größe der Bedeutung des Namengebers angemessen wäre? Sollte sie nicht dem Projekt der neuen „Museumshöfe“ vorbehalten bleiben, die gegenüber dem Bode-Museum entstehen sollen?

Wie auch immer: der Stiftung Preußischer Kulturbesitz bietet sich mit der demnächst erfolgenden Präsentation des Entwurfs, nach über 13 Jahren Gezerre die Gelegenheit zu einem offenen und öffentlichen Diskurs vor allem auch mit den bisherigen Kritikern. Die Stiftung und ihr Architekt sollten diese Chance nicht verstreichen lassen. Vielleicht macht eine solche Debatte sogar das Volksbegehren überflüssig.

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