Kultur : Kampf um Sewastopol

Krimkrieg: Der britische Historiker Orlando Figes erinnert an den letzten europäischen Kreuzzug

Hannes Schwenger

Wenn Orlando Figes, der Autor mehrerer Standardwerke zur Geschichte Russlands, ein epochales Ereignis in den Mittelpunkt einer Monografie stellt, holt er unweigerlich weit aus. Seine Geschichte der Russischen Revolution („Die Tragödie eines Volkes“, 1998) griff bis ins Jahr 1895 zurück und sein jüngstes Werk über den Krimkrieg 1854/55 entfaltet auf einem Drittel seiner über 600 Seiten ein umfassendes Panorama der „Orientalischen Fragen“, die im Krimkrieg kulminierten und das Ende des Osmanischen Reichs vorausahnen ließen. Dabei versagt er sich einen Ausblick auf ihre neue Aktualität im Nahen Osten, im Kaukasus und auf dem Balkan, wo sich erneut ein Konfliktpotenzial aus Religionsstreitigkeiten, Hegemonialkämpfen und Einflussansprüchen konkurrierender Großmächte zusammenbraut.

Wahrscheinlich würde ein Blick durch die aktuelle Brille, so verlockend er scheint, auch das historische Geschehen verzerren. Figes’ Stärke liegt – obwohl er als politischer Mensch nicht sine ira et studio vorgeht und sich aktuell für die Sache der sowohl vom Zaren als auch von Stalin verfolgten Krimtataren einsetzt – in einer umfassenden, erstmals auf Quellen der beteiligten Großmächte England, Frankreich, Russland und des Osmanischen Reichs gestützten Rekonstruktion der Ursachen, Schlachten und Folgen des Krimkriegs. Sein ehrgeiziges Ziel ist, nicht nur die militärischen und politischen Fronten, sondern auch „die geopolitischen, kulturellen und religiösen Faktoren zu beleuchten, welche die Verwicklung der einzelnen Großmächte in den Konflikt prägten“. Damit begibt er sich in Gegensatz nicht nur zur Vielzahl der älteren Bücher englischer Autoren über den Krimkrieg, sondern auch zu der „verbreiteten britischen Meinung, dass es sich um einen ,sinnlosen’ und ,unnötigen’ Krieg gehandelt habe – ein Gedanke, der von der Enttäuschung der Öffentlichkeit über den schlecht organisierten Feldzug und dessen damals begrenzte Resultate herrührt“.

„Sinnlos“ im pazifistischen Sinn war dieser Krieg mit seinen gewaltigen Opferzahlen allemal – mit insgesamt einer Dreiviertelmillion toter Soldaten, davon zwei Drittel Russen, 100 000 Franzosen und 20 000 Briten, noch ohne die ungezählten osmanischen Kämpfer und Opfer unter der Zivilbevölkerung. Aber im historischen Sinn war er eine tiefgreifende geschichtliche Zäsur mit vielen beabsichtigten und unbeabsichtigten Folgen: sozusagen Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen (Theodor Lessing). „Durch ihn“, so sieht es Orlando Figes, „zerbrach die alte konservative Allianz zwischen Russland und den Österreichern, welche die bestehende Ordnung auf dem europäischen Kontinent gestützt hatte, worauf sich neue Nationalstaaten in Italien, Rumänien und Deutschland herausbilden konnten. Er ließ die Russen mit einem tiefen Groll gegenüber dem Westen zurück, einem Gefühl, Opfer eines Vertrauensbruches zu sein, weil die anderen christlichen Staaten Partei für die Türken ergriffen hatten.“ Eine Nebenwirkung war die Öffnung der muslimischen Welt des Osmanischen Reichs für westliches Militär, Technik und Kapital, die im Gegenzug eine bis heute spürbare islamische Reaktion gegen den Westen auslöste.

Auf diesem Hintergrund nennt Figes den Krimkrieg den „letzten Kreuzzug“; nicht nur, weil an seinem Beginn Streitigkeiten um die heiligen Stätten in Palästina standen, die unter Osmanischer Hoheit, aber unter Beteiligung von Katholiken und Orthodoxen verwaltet wurden. Einen Kreuzzug glaubte Zar Alexander auch als Schutzherr der Christen des Osmanischen Reichs zu führen, während sich Briten und Franzosen auf einem Kreuzzug zur Verteidigung der Freiheit und europäischen Kultur gegen Russlands Despotismus und Expansionsstreben sahen. Für dieses Ziel waren sie sogar bereit, das schwächelnde Osmanische Reich – den „kranken Mann Europas“ – zu retten, das die Kontrolle über die europäischen Donaufürstentümer an Russland zu verlieren drohte. Im Schwarzen Meer war es oberstes Kriegsziel der Alliierten, den Zugang der russischen Flotte zum Mittelmeer zu blockieren. Dazu war ein Schlag gegen die Basis der russischen Macht am Schwarzmeer, die Krim mit dem Flottenstützpunkt Sewastopol, das wirksamste Mittel.

Der Zar lieferte dafür den willkommenen Anlass, als er 1853 die europäischen Donaufürstentümer besetzte und damit nicht nur die Osmanen, sondern auch das benachbarte Österreich und die europäischen Westmächte herausforderte. Sobald sich die Türken der Rückendeckung durch die Westmächte sicher waren, erklärten sie Russland ihrerseits den Krieg und eröffneten eine zweite Front gegen Russland im Kaukasus. Aber während sie in den Donaufürstentümern erfolgreich kämpften, wurde die türkische Schwarzmeerflotte bei Sinope vernichtend geschlagen. Doch die Niederlage rief die empörte britische Öffentlichkeit und die Kriegspartei unter Lord Palmerston erst recht auf den Plan. Nach erfolglosen diplomatischen Zwischenspielen und Ultimaten entsandten England und Frankreich im August 1854 ihre Seestreitmacht ins Schwarze Meer, um die Krim mit Sewastopol zu besetzen. Die Alliierten glaubten an einen raschen Erfolg in einem milden Winter, mussten aber erleben, dass sie in einen erbitterten Stellungskrieg verwickelt wurden, der erst im September 1855 nach schweren Verlusten beider Seiten und dem Fall Sewastopols endete. Zuvor war es den Russen noch gelungen, die Stadt zu evakuieren und – wie Moskau 1812 – in Brand zu setzen.

Ihre heroische Niederlage feierten sie wie einen Sieg, und auch in den folgenden Friedensverhandlungen in Paris gelang es der Diplomatie, sie zumindest in einen halben Sieg zu verwandeln. Zwar mussten die Russen das Protektorat über die Donaufürstentümer aufgeben und die Entmilitarisierung des Schwarzen Meeres hinnehmen, die sie aber später – auch mit Bismarcks Unterstützung – wieder aufheben konnten. Insoweit war der Krimkrieg also tatsächlich „unnötig“ gewesen. Dass er nicht sinnlos, sondern in höchstem Maß sinnstiftend war, demonstriert Figes in einem Epilog am Beispiel der britischen und russischen Heldenmythen um diesen Krieg, an denen auf russischer Seite kein Geringerer als Leo Tolstoi mit seinen „Sewastopoler Erzählungen“ mitgewoben hat. Als Kreuzzug endete der Krimkrieg übrigens unentschieden mit der Wiederherstellung der bewährten, auch der orthodoxen, Zugangsrechte zu den Heiligen Stätten in Bethlehem und Jerusalem.











– Orlando Figes:

Krimkrieg. Der letzte Kreuzzug. Bloomsbury Verlag, Berlin 2011. 760 Seiten, 36 Euro.

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