Kultur : Kampfhund-Debatte: Der Maulkorb (Kommentar)

Thomas Lackmann

Spätestens seit heute ist es in Berlin nicht mehr komisch, ein Kampfhund zu sein. Den zwölf beißlustigsten Köter-Rassen des Stadtstaates, deren Gefährlichkeit täglich in der Presse (Rubrik: "Jüngste Kampfhund-Attacken") nachzulesen ist, hat der Senat gestern Maulkörbe verordnet. Die Volksstimmung allerdings kippt schon wieder; der Mitleidspegel für die von herzlosen Haltern ausgesetzten Kampfmaschinchen vibriert; die kollektive Rührung zugunsten verstoßener Pittbull-Waisen macht nicht nur BZ-Leser nachdenklich. Ist das Böse unterm Kuschelfell des Kampfwelpen wirklich, wie bei einem süßen Alien-Baby, genetisch kodiert, um am Tag X monströs auszubrechen - oder wird es dem Knuddelchen erst durch die Verletzungen einer harten Jugend eingebläut? Projizieren wir in den Kampfhund eigene Ratlosigkeit gegenüber ungestümen Erbanlagen, knebeln wir mit gut gemeinten Verordnungen nur "den Mastino in uns allen"? Dann diente das Schutzsymbol des äußeren Maulkorbs der legitimen Rettung unserer Zivilisation. Blöderweise aber ist die Wahrheit wieder mal vielschichtig, deshalb outet sich der Verfasser dieser Zeilen hier und jetzt als resozialisierter Selbstbeißer: Vor 30 Jahren hat er eigenzähnig sein Gebiss in den Hals eines befreundeten deutschen Boxerrüden geschlagen, ohne dass diese orale Aktion Tier und Mensch nachweislich geschädigt hätte. Verstörender Maulkorbzwang oder finales Einschläfern wären in diesem Fall voreilige Maßnahmen gewesen.

Neben dem konkreten Maulkorb freilich, wie er gegen Psychopathen à la Hannibal Lector eingesetzt wird, gibt es noch die nostalgische Maulkorb-Metapher. In guter, alter Zeit, als "Beißhemmung" so was wie Benehmen bedeutete, als von "Stutenbissigkeit" redete, wer Konkurrenzneurosen und von "Angstbeißern", wer Autoritäts-Psychosen meinte, versuchte die Obrigkeit, das eigene Ansehen gegen "bissige" Publizisten durch "Maulkörbe" zu schützen. Heinrich Spoerls reizender, mit Theo Lingen als Staatsanwalt verfilmter Roman "Der Maulkorb" (1936) beschreibt die Ermittlungen eines Provinzjuristen, der ahnt, dass er selbst es war, welcher nächtens, sturztrunken und hochverräterisch das Zaumzeug der eigenen Dogge dem Denkmal des Landesherrn umgeschnallt hat. Was den peinlichen Gedanken einer untergründigen Affinität zwischen Maulkorbverordner und Maulkorbkandidaten nährt, ohne damit dem reizenden Theo Lingen oder dem Berliner Senat nahetreten zu wollen. Der Maulkorb als Metapher signalisiert gleichwohl, dass die Rettung der Zivilisation doch ein innerer Prozess sein dürfte; eine optimistische These angesichts jener 1 000 000 Love-Paradisten, welche am kommenden Sonnabend Europas schönsten Stadtgarten plattmachen sollen! Dass für diesen Festzug auch recht viel Nacktfleisch aufmarschiert, wird Berlins letzte freilaufende Pittbulls kaum trösten können, denn selbst ein Kampfhund muss ja mal müssen dürfen, hat aber gegen Hunderttausende Techno-Pinkler in Ernst-August-Pose keine Chance mehr, sein Terrain zu markieren. Ergo: Neurosen; Aggression; ein Teufelskreis. In Berlin ist es nicht mehr komisch, ein Kampfhund zu sein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar