Kultur : Kampfplatz Kunst

Heute eröffnet Bundeskanzler Schröder in Leipzig eine Retrospektive des Malers Bernhard Heisig

Michael Zajonz

Wer den Bundeskanzler nur aufgrund seiner Auftritte bei Kunstausstellungen beurteilen müsste, könnte ihn für leichtsinnig halten. Mit seiner Berliner Rede zur Eröffnung der Friedrich Christian Flick Collection setzte sich Gerhard Schröder freiwillig einer Kritik aus, die sich bis dahin auf den Sammler kapriziert hatte. Heute will der Kanzler im neuen Leipziger Museum der bildenden Künste die Retrospektive zum 80. Geburtstag des ostdeutschen Malerfürsten Bernhard Heisig eröffnen. „Die Wut der Bilder“ wird danach auch in Düsseldorf und im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen sein.

Mit Bernhard Heisig würdigt Schröder ein in der zeitgenössischen Kunst singuläres Lebenswerk. Der 1925 geborene Breslauer zählt, neben dem langjährigen Chef des DDR-Künstlerverbandes Willi Sitte und den im letzten Jahr verstorbenen Künstlerkollegen Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer, zur „Viererbande“ der ostdeutschen Malerei. Die Begründer der „Leipziger Schule“ verstanden sich nie als Künstlergruppe, sondern formierten sich Anfang der Sechzigerjahre an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst zum Marsch durch die kulturpolitischen Institutionen. Als Hochschullehrer und Künstler-Funktionäre verkörperten sie „Weite und Vielfalt“, jenen Slogan, den Erich Honecker 1971 nachträglich ausgab.

Seit ihrem gemeinsamen Auftritt auf der documenta 6 in Kassel 1977 dominierten die Leipziger – gegen die traditionellen Kunstzentren Berlin und Dresden – auch die gängige Vorstellung von Ostkunst im Westen. Die Quittung folgte nach 1989 im deutsch-deutschen Bilderstreit, als Künstlerkollegen (Ost und West) und Kunstkritiker (West) die auf dem Kunstmarkt bereits etablierten Maler zu Staatskünstlern erklärten: auch eine Stellvertreterdebatte.

Heisig ist zuletzt 1998 in die Schlagzeilen geraten: 1941 hatte er sich 16-jährig freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet und war im Jahr darauf zur SS-Panzer-Division „Hitlerjugend“ eingezogen worden. So einer dürfe, forderten ostdeutsche Bürgerrechtler und westdeutsche Feuilletons in seltener Einigkeit, nicht teilhaben an der künstlerischen Überhöhung des Berliner Reichstags zum politischen Symbol des wiedervereinigten Landes. Heute hängt sein knapp sechs Meter langes Geschichtspanorama „Zeit und Leben“ in der Cafeteria des Parlaments: ein in seinem Anspruch auf individuelle Geschichtsdeutung typischer Heisig.

In Leipzig zeigt man einen für Heisigs Verhältnisse eher kleinen Vorentwurf. Die von Eckhart Gillen besorgte Ausstellung konzentriert sich auf den Gestalter politisch-historischer Stoffe, versammelt 71 Gemälde und 62 Arbeiten auf Papier, die braven Anfänge wie das komplexe Spätwerk. Zu den eher missglückten Bildern gehört die monumentale vierteilige Fassung der „Pariser Kommune“ aus der hauseigenen Sammlung. Heisig trieb das Thema des tragisch gescheiterten Kommunardenaufstands von 1871 Jahrzehnte lang um. Unter dem Leipziger Kommune-Bild steckt ein älteres, das Walter Ulbricht persönlich als zu geschichtspessimistisch kritisierte und das der Künstler 1971 übermalte – im Sinne der offiziellen Lesart. Gut bekommen ist das dem Großformat auch künstlerisch nicht. Und so hat sich der Maler irgendwann noch einmal uneingeladen ins Leipziger Museum aufgemacht, um – bei laufendem Betrieb – das Bild heimlich weiter zu verändern. Heisigs Unfähigkeit, ein Werk für vollendet zu erklären, ist unter Museumsleuten und Sammlern gefürchtet.

Doch die Schinderei vor der Leinwand, die unausgesetzte Selbstbefragung, die Heisig martialisch als „Nahkampf“ beschreibt, zielt auf den Kern seines Weltverständnisses. Mit dem Kommune-Stoff arbeitete sich der Künstler schrittweise an sein Lebensthema heran: das Kriegstrauma des in der Ardennenschlacht und im Kampf um seine Heimatstadt Breslau eingesetzten Soldaten. Der Geschichtsvergessenheit der westdeutschen und der Geschichtsklitterung der ostdeutschen Nachkriegskunst setzt der nur scheinbar unzeitgemäße Moralist Heisig ein zum Welttheater verdichtetes memento mori entgegen.

Leipzig, Museum der bildenden Künste, bis 29. Mai. Katalog im DuMont Verlag, Köln, 24 €, im Buchhandel 34,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar