Kultur : "Kanak Atak": Ich Kanakster, du Laberkopp

Ralph Geisenhanslüke

Er lebte von gelegentlichen Raubüberfällen, handelte mit Heroin und war zugleich als Fixer sein bester Kunde. Nein, das Leben des Ertan Ongun ist kein Spaziergang gewesen. Ongun hat einige Geschichten einem Schriftsteller ins Mikrofon erzählt und der hat sie veröffentlicht unter dem schlichten Titel "Abschaum". Der Schriftsteller wiederum wird abwechselnd als der Malcolm X oder Rudi Dutschke der türkischstämmigen Deutschen bezeichnet: Feridun Zaimoglu hat mit Büchern wie "Kanak Sprak" oder "Koppstoff" zumindest publizistisch Aufsehen erregt und der dritten Generation von Einwanderer-Kindern eine kraftvolle Stimme gegeben. Deshalb kann Ertan Ongun sein Leben demnächst auch als Film anschauen. Regisseur Lars Becker hat das Buch zusammen mit Zaimoglu für die Leinwand bearbeitet. "Kanak Attack" (Kinostart: 16. November) ist ein packender Film mit trockenem Humor geworden. Man kann darin Anklänge an "Pulp Fiction" oder "Trainspotting" entdecken. Man kann es aber auch lassen und - statt dessen die künstlerische Einzigartigkeit sehen.

Über die lakonisch erzählte Dealer-Karriere hinaus bietet "Kanak Attack" reichlich Stoff zur Diskussion. Im Anschluss an eine Voraufführung in der Akademie der Künste kam es zu einer solchen. Sie zeigte, welche Spannung noch immer in deutsch-türkischen Themen steckt. Deutsche gehen türkisch essen und einkaufen. Das ist Normalität. Aber ein deutsch-türkisches Kunstprodukt muss noch immer für alles herhalten und hat gefälligst alle Probleme politisch korrekt zu lösen. Zumindest, wenn man den mäklerischen Einwänden der Zuschauer glauben will. Da sitzt ein halber Soziologie-Kurs und will Autor und Regisseur erklären, dass sie nur Klischees bedienen und damit den Türken, türkischstämmigen Deutschen, Kanakstern - oder wie immer sie sich gerade nennen - keinen Gefallen tun. Das geht soweit, dass selbst ein türkischstämmiger Mensch sagt, er habe "keinen Bock mehr auf dieses Ethno-Gelaber".

"Kanak Attack" ist ein Film und kein Leitartikel. Und dieser Film, so wie auch die Werke von Fatih Akin oder Thomas Arslan werden dem deutschen Kino in den nächsten Jahren mit neuen Themen und einem unverbraucheten visuellen Stil eine Frischzellenkur bescheren. Soviel wenigstens ist sicher.

0 Kommentare

Neuester Kommentar