Kultur : Kandis-Zauber

Óskar Árni Óskarssons Familienerinnerungen

Nicole Henneberg

Wer aus einer solchen Familie kommt, muss wohl Dichter werden: die charismatische Großmutter Stefania wurde von Schriftstellern bewundert, ihr Bruder Magnus war ein berühmter Dichter, ihr Enkel ebenfalls. Mit seinen Miniaturen setzt der 1950 in Reykjavik geborene Óskar Árni Óskarsson dieser Ausnahmefamilie ein Denkmal (Das Glitzern der Heringsschuppe in der Stirnlocke. Aus dem Isländischen von Betty Wahl. Transit Verlag, Berlin 2011. 120 S., 14,80 €). Dabei fasziniert ihn vor allem deren Verschrobenheit – typisch isländische Eigenschaften, denen er in Felsen und Häusern, Häfen und Hochebenen seiner Heimat wiederbegegnet. 2005 macht sich der Erzähler auf den Weg in den Nordosten der Insel, wo seine Eltern und Großeltern lebten. Mit vielen Umwegen zieht er von einem Familienort zum anderen, sammelt Schwarz-Weiß-Fotos, die seine kurzen Texte ergänzen, und folgt den oft nur imaginierten Spuren. Die achtzigjährige Tante Ester zeigt ihm die Heringsbaracke, wo seine Großmutter arbeitete, um sieben Kinder zu ernähren, und erzählt vom Küchentisch, auf dem der Jüngste, Stebbi, das Bein amputiert bekam.

Ein mit allen Wassern der experimentellen Literatur gewaschener Erzähler ist hier am Werk, der mit Aussparungen, Andeutungen und schrägen Pointen arbeitet. Aus ihnen knüpft er ein Netz, das ein isländisches Jahrhundert umspannt und bis nach Kanada reicht. In Ruinen und Wellblechbaracken schwirren die Erinnerungen wie Fliegen, in deren Gebrumm sich Vergangenes und Gegenwärtiges mischen. Wobei gerade die leeren Räume, auf vielen Fotos festgehalten, die Fantasie beflügeln – stellen sie doch die bohrendsten Fragen. Was hatten seine Großeltern dabei, als sie zum Lake Winnipeg aufbrachen? Hielten die Kinder Spielsachen in den Händen? Wie verständigte sich Stefania mit den Indianerinnen?

Mehr als Stefania bewundert der Autor nur Magnus, den bescheidenen, bitterarmen Poeten und Fantasten, einen Bruder aller Surrealisten und Zaubersänger, dessen Verse die Arbeiter an den Fischtrockenplätzen skandierten. Das eindrucksvollste Foto des Bandes zeigt jenen struppigen Wanderdichter, der Magnus „erweckte“ – was Stefania bei dem zweijährigen Óskar Árni spielend mit Kandiszucker und einem englischen Bilderbuch schaffte. Er roch und schmeckte die Bilder förmlich – denn er glaubte, in den abgebildeten Diamantminen würde Kandis gefördert. Nicole Henneberg

Óskar Arni Óskarsson liest heute, 19.9. (20 Uhr), mit Kristof Magnusson im Literaturhaus, Fasanenstr. 23, aus seinem Roman.

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