Kultur : Kann weg. Kann weg?

Silvia Hallensleben

Die alten Zeitungsseiten sollen seit Jahren ausgewertet werden. Die Streichholzheftchensammlung hat eine Plastikwanne als Behausung gefunden. Und ein nagelneuer vielteiliger Sammelschuber wartet auf dem Regal auf Füllung, "so schön jungfräulich". Doch was soll bloß hinein von all den Sachen? Christian Sch. hat aufgeräumt, weil Fremde in seine Wohnung kamen.

Ungefähr einmal im Monat gibt es mittlerweile auf einem der Privatsender eine Reportage über "Messies". Der Ton ist menschelnd, das Ende entweder tragisch oder schön: Zwangsräumung oder Heilung... Dabei ist die Sache gar kein persönliches Problem. Die Beschleunigung des Warenumlaufs in der "Wegwerfgesellschaft" hat ihr Gegenteil produziert. Je hastiger der Durchlauf an Gütern und an Wissen, desto krampfhafter wollen wir uns an ihnen festhalten. Je öfter wir umziehen müssen, desto hartnäckiger der Kampf um jedes Erinnerungsstück, das zurückbleiben muss. Je rücksichtsloser die Fakten, desto sentimentaler die Gefühle.

Imma Harms und Thomas Winkelkotte von der Berliner Autofocus Videowerkstatt unterziehen in ihrem Film "Die Passage" die Kreisläufe der Warenwelt einer exemplarischen Untersuchung. Flächendeckend geht das nicht. Und so sind ihre "12 Geschichten von Müll & Wert" eine Sammlung von Boden-Stichproben, die neben dem persönlichen auch den praktischen Bereich erhellen: vom Müllhof über Trödel und Resteverwerter bis zum alternativen Gemeinschafts-Recycling der "Freebox", wo jede gibt und nimmt, wie sie es gerade braucht. Das ist fast eine Widerstandsaktion in einer Gesellschaft, die anderswo Abfallbehälter mit Schlössern gegen "Mülldiebstahl" sichert.

Szenen, die entspannt miteinander argumentieren. Nüchterne Bestandsaufnahmen, hinter denen sich anrührende Geschichten verbergen, ermunternde und bittere, skurrile und traurige. Christian Sch. mit seinem Sammelschuber gehört dazu. Und Frau O., die ihr Leben gemeinsam mit ihrem Sohn für den Umzug ins Altersheim aussortiert. "Kann weg", schreibt der auf die Umzugskartons, die auf die Müllhalde wandern. Auch eine Versuchsanordnung richtet der Film ein: Was geschieht, wenn man nicht mehr Gebrauchtes zum Mitnehmen auf dem Gehweg platziert? Die Kamera schaut von oben zu.

Der Umzugskarton ist der rote Faden dieser "Passage", das Schrabbern der Archäologenspachtel markiert Anfang und Ende der Dokumentation. Oder ist es doch schon die Grabschaufel? Schließlich ist jeder Griff zur Mülltüte auch ein Abschied auf Nimmerwiedersehen, das Aufbewahren immer auch ein Statement gegen das Vergessen und die vorbeirasende Zeit.

Kürzlich hat die französische Regisseurin Agnès Varda in "Les glaneurs et la glaneuse" (Die Sammler und die Sammlerin) das Thema des Sammelns in einem Filmessay facettenreich und klug entfaltet und dabei die eigene Sterblichkeit als unaufdringlichen Subtext mitformuliert. "Die Passage" ist die Berlinische Version dieses Films. Ganz ohne Vardas charmant-verspielte Raffinesse, historische Ausflüge und Kartoffelherzen. Dafür mit nüchtern distanziertem Blick auf vertraute Welten, reichlich Raum zum Assoziieren und Lokalkolorit. Und mit einem handfesten Plädoyer für menschliche Solidarität und ein lebendiges unsauberes Berlin. Investoren werden diesen Film nicht mögen.

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