Kultur : Kannibale auf dem Thron

KLAUS HELFRICH

Ein grauenhafter Verdacht geht um in deutschen Feuilletons: Nimmt auf dem ehrwürdigen chinesischen Kaiserthron im Dahlemer Museum für Ostasiatische Kunst künftig ein schrecklicher Südsee-Kannibale Platz? Dröhnen demnächst gar afrikanische Trommeln gegen die kontemplative Ruhe erhabener Buddhabildnisse im Museum für Indische Kunst an? Steht eine "Rückgliederung eigenständiger Hochkulturen in einen kolonialen Zusammenhang bevor", wie die "Zeit" sich entsetzt? "Schickt man sich an der Spree allen Ernstes an, die Chinesen zu kolonialisieren" ("Süddeutsche Zeitung")?

Nichts von alledem! Gerüchte eben nur, gespeist aus bedauerlichen Desinformationen und vermeidbaren Mißverständnissen.Worum geht es also wirklich? Zum einen um die schiere Arbeitsfähigkeit der im Verband der Staatlichen Museen zu Berlin zu- sammengeschlossenen Häuser, die ungeachtet ihrer infolge der deutschen Einheit immens gewachsenen Aufgaben seit Jahren durch drastische Sparzwänge, insbesondere einen kontinuierlichen Personalabbau, ernsthaft bedroht, in Teilbereichen bereits in Frage gestellt ist.Hier gilt es mithin, durch stringente Verwaltungsreformen im ureigensten Interesse der Museen ein Höchstmaß an Ressourcennutzung, Flexibilität und Effektivität herzustellen.

Wie immer die Festlegungen des Stiftungsrates diesbezüglich ausfallen mögen, sie tangieren substantiell in keiner Weise die museale Eigenständigkeit"der historisch gewachsenen Sammlungen, die sich freilich ausschließlich auf die klassischen musealen Aufgabenbereiche "Sammeln, Bewahren, Erforschen, Präsentieren""erstreckt.Zum ganz anderen geht es um die künftige Präsentation der außereuropäischen Sammlungen im Dahlemer Museumskomplex, dessen Umbau mit der Herrichtung der beiden asiatischen Kunstmuseen (Finanzvolumen ca.37 Millionen Mark) gerade begonnen hat.Im Zusammenhang damit versuchen nun manche den Eindruck zu erwecken, es sollten die süd- und ostasiatischen Hochkulturen"entstammenden Kunstwerke in ein - den ungetrübten Kunstgenuß zutiefst störendes - Gemenge mit Zeugnissen afrikanischer, indianischer und ozeanischer Niedrigkultur gebracht werden, "rückgegliedert" (!) eben "in einen kolonialen Zusammenhang".

Entlarvend der Jargon, der auf längst überholte Konzepte von "hoher""und "primitiver" Kultur sich beruft, die aus einem naiv-evolutionistischen Weltbild des vergangenen Jahrhunderts herrühren und einst unter anderem zur Legitimation von kolonialer Vereinnahmung und faschistischen Rassenwahnverbrechen herhalten mußten.Kulturen sind nicht "hoch""oder "niedrig/ primitiv", es gibt kein einziges wissenschaftlich konsistentes Kriterium für solche Abgrenzungen und Bewertungen.Vielmehr ist Kultur - essentielles und zugleich distinktives Merkmal unseres Menschseins - in all ihren individuellen Ausformungen eine grandiose Vielfalt in der Art und Weise menschlicher Daseinsgestaltung.Einzelkulturen sind nie statisch, alle Kulturen verändern sich, haben ihre eigene Geschichte.Insofern also entwickeln sie sich, aber nicht zu "Höherem"", sondern allenfalls auf eine größere Komplexität hin, die einen mehr, die anderen weniger.Die lange schon verstaubten Konzepte des positivistischen Evolutionismus, die in ihren kulturchauvinistischen Bewertungen Ausgrenzung, Diffamierung und Arroganz befördern, taugen im ausgehenden 20.Jahrhundert wahrlich nicht mehr als Kriterien für die Präsentation außereuropäischer Kunst und Kultur, es sei denn, man wollte Dünkel zum Programm erheben.

Für eine einsichtige und verständliche Präsentation jener Sammlungen wäre jedoch eine gegenseitige Abschottung dieser Häuser fatal.Die Ausstellungen bedürfen vielmehr interdisziplinärer und integrativer Konzeptionen, weil dem Betrachter asiatischer Kunstwerke just jenes für eine angemessene Rezeption erforderliche Vorwissen fehlen dürfte, über das er in einem europäischen Kunstmuseum wohl verfügt.

Asiatische Kunstwerke sind Schöpfungen von oder für Eliten.Diese waren nicht frei- schwebend, sondern eingebettet in gesamt- kulturelle Kontexte, aus denen heraus sie verstanden werden können.Die wechselseitigen Bezüge zwischen den Kunstwerken einerseits und jenen größeren kulturellen Kontexten andererseits müssen deutlich werden in den künftigen Präsentationen der asiatischen Kunstmuseen und in den parallelen, Süd- und Ostasien gewidmeten kulturkundlichen Ausstellungen des Museums für Völkerkunde.Und in wirklich unverzichtbarer Analogie zu jenen asiatischen Kunstpräsentationen ist ein - bislang fehlendes - Forum für die fraglos ebenbürtige afrikanische, indianische und ozeanische Kunst zu schaffen.Ein derartiges konzeptionelles Miteinander, das eben nur die in Dahlem unter einem Dach vereinten außereuropäischen Sammlungen möglich machen, öffnet den Blick für transkulturelle Vergleiche, verweist auf die faszinierende Einheit und Mannigfaltigkeit in Kunst und Kultur der Menschheit.Hierin liegt die große, die einmalige Chance der Dahlemer Museen.

Klaus Helfrich ist Direktor des Museums für Völkerkunde in Berlin-Dahlem

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