Kanten und Konturen : Knallkörper

Eine Wiederentdeckung: Die Malerei von Georg Karl Pfahler in der Berliner Galerie Crone.

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Bild aus der "Tex"-Serie
Bild aus der "Tex"-SerieFoto: Galerie Crone / VG BildKunst, Bonn 2014

Rot bedeckt die Leinwand wie eine Blutlache. An den Rändern wird die Farbe sauber begrenzt von blauen, grünen und orangen Schmauchspuren. Die zwei Schüsse auf John F. Kennedy am 22. November 1963 in Dallas, Texas, waren der Auslöser für die sogenannte „Tex“-Serie von Georg Karl Pfahler. In Farben und Kreisausschnitten lotet der Künstler zwischen 1963 und 1974 das Echo auf das Attentat aus. Das Beben der Zeitenwende.

Die Berliner Galerie Crone betreut den Nachlass des 2002 verstorbenen Malers und arbeitet an seiner Wiederentdeckung. Die aktuelle Ausstellung mit 22 „Tex“-Bildern, davon zwei Leihgaben, zeigt Pfahlers mitreißende Kraft (11 000–42 000 Euro). Seine Malerei ist bereinigt von den tastenden Versuchen der Nachkriegszeit. Er selbst beschreibt „die farbige Auffassung des Plastischen“ als sein Grundmotiv.

Mit der „Sehnsucht nach Handfestem“ begründet Markus Peichl, Leiter der Galerie Crone, Pfahlers Comeback und die Resonanz beim jungen Publikum. Tatsächlich entspringt das Werk dem Griff der Hand. 1926 im bayerischen Emetzheim geboren, studiert Georg Karl Pfahler in Stuttgart, angezogen von Willi Baumeister, dem Star der Nachkriegszeit. Während des Studiums formt er archaisch wirkende Keramikkörper, die er schwarz bemalt. Die Umrisse erinnern an Baumeisters bauchige Gravitationszentren. In informellen Bildern wandelt sich der knetende Griff zur Geste mit dem Pinsel. Bauhaus und die konkrete Kunst von Max Bill, der von Zürich aus nach Süddeutschland strahlt, gehören zur zweiten Linie im Stammbaum dieser Malerei. Sie härtet sich zwischen den beiden Polen – der Subjektivität des Informel und der rigorosen Intellektualität der Geometrie. Die Farbe wird zum Körper und greift in den Raum.

In der „Tex“-Serie lassen sich die Aggregatzustände fast mit den Fingerspitzen spüren. Da erprobt der Maler auf der Leinwand die Ausdehnung des Rots, das sich aufwölbt. Die Tiefe des Blaus, das in die Wand zurückweicht. Die Nachtfarben verlangsamen die Wahrnehmung. Die Tagfarben heizen das Tempo an. Gedämpfte Nebelfarben verunsichern die Sinne. Die Töne vibrieren in Abstufungen, so dass sich ihr Klang im Raum fortsetzt. Bruchstücke von Zielscheiben lassen sich erkennen. Aber dem europäischen Kriegskind Georg Karl Pfahler ist das Schrecklich-Schöne von Barnett Newman näher als die Poprevolte von Jasper Johns. Bei den Schüssen auf John F. Kennedy hallt das Echo der Erinnerungen nach.

Galerie Crone, Rudi-Dutschke-Str. 26; bis 7. 6., Di–Sa 11–18 Uhr

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