Kultur : Kantige Klangblöcke, schrille Verfremdung

Eckart Schwinger

Das BSO hat im Laufe seiner 50jährigen Orchestergeschichte einige bemerkenswerte Werke aus der Taufe gehoben, die in dieser Jubiläumsspielzeit aufs neue zur Diskussion gestellt werden. 1980 wurde unter Leitung von Günther Herbig die Sinfonie Nr. 2 "Explosionen und Cantus" des 1944 in Dresden geborenen Wilfried Krätzschmar uraufgeführt. In diesem Konzert im Rahmen der einstigen DDR-Musiktage gelangten auch Werke von Ruth Zechlin, Johann Cilensek und Siegfried Matthus zur Uraufführung. Ausgerechnet der jüngste, am wenigsten bekannte Komponist, Krätzschmar, lieferte den herausforderndsten Uraufführungsbeitrag. Seine 2. Sinfonie mit den seriellen Verfahrensweisen wies eine ganz persönlich berührende Dimension auf. Krätzschmar hatte sich konsequent von den Spielregeln der real-sozialistischen Musikkultur getrennt, war beunruhigen in irrationale Räume vorgedrungen. Obwohl er später für diese Sinfonie den Hanns-Eisler-Preis erhielt, wurde er erst einmal von den Musikfunktionären in die Mangel genommen.

Dass diese bitterernste Sinfonie mit der aufwühlenden Material-Explosion, den sich durchdringenden und überlagernden Strukturen auch heute ihre Wirkung nicht verfehlt, ist nicht zuletzt auf die geradezu schallplattenreife Wiederaufführung zurückzuführen. Das BSO mit dem ans Pult zurückgekehrten Günther Herbig schien sie mit derselben impulsiven Musizierhaltung darzubieten wie bei der Uraufführung. Lückenlos griffen die beiden Sinfonieteile ineinander, die kantigen Klangblöcke, überhaupt die noch immer irritierend harten Ausbrüche und schrillen Verfremdungen des ersten sowie die lyrisch verdichteten des zweiten, mit den orgelhaft vibrierenden Orchesterkantilenen, in die Heinrich Isaacs "Innsbruck"-Melodie eingeflossen ist. Einiges von dieser Ausdrucksintensität war in der abschließenden Aufführung von Beethovens "Eroica" zu spüren. Herbig steuerte sein einstiges Orchester nicht nur mit der ihm eigenen Eleganz, mit dramatischer Vitalität.

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