Kanzler-Biografie : Der abtrünnige Sohn porträtiert Willy Brandt

Peter Brandt zeichnet in diesem Buch ein nüchternes, liebevolles Porträt seines Vaters - und einstigen Kontrahenten - Willy Brandt. Eine faszinierende psychologische Studie des großen Staatsmannes.

Klaus von Dohnanyi
Bundeskanzler Willy Brandt 1972 im Bundestag
Bundeskanzler Willy Brandt 1972 im BundestagFoto: dpa

Schon im Vorwort seines Buches über den Vater zieht sich der Sohn selbst eine Grenze: „Weniger eine Biografie als ein ,Versuch’ im klassischen Sinne“ solle es werden; nur ein Blick „Mit anderen Augen“, eben den Augen des ältesten Sohnes auf den großen Vater Willy Brandt.

Wer selbst der politischen Arbeit Willy Brandts nahe war – und schon 1961 hatte er mich gebeten, mit Horst Korber in Berlin an den Entwürfen seiner Wahlkampfplattform zu arbeiten –, der muss bewundern, wie objektiv und selbstkritisch der einst politisch so streitbare und mit dem Vater zerstrittene Sohn den innerparteilichen Konflikt der SPD heute sieht; im Jahr der hundertsten Wiederkehr des Geburtstages.

Nüchtern, um Distanz bemüht und doch auch liebevoll schauen die „anderen Augen“ heute zurück. Peter Brandt erkundet nicht nur wichtige Knotenpunkte im Leben des Vaters; manches wissen wir, aber besonders die persönlichen Gespräche zeigen neue Farben nicht nur des privaten Willy Brandt.

„Mit anderen Augen“ berichtet eingehend über den bitteren Streit zwischen APO und Regierungsverantwortung aus den Erfahrungen des abtrünnigen Sohnes. Nicht die abstrakte Partei, sondern der lebendige Vater ist hier Kontrahent! Schwierig genug war es ja damals in Ortsvereinen und auf Parteitagen – aber hier, im Hause Brandt, an der Nabe des Geschehens zeigt der damalige Konflikt seine historische Tiefe.

Nirgendwo offenbart sich deswegen auch der komplexe Charakter Willy Brandts so deutlich und so unmittelbar wie in seiner Beziehung zu den beiden älteren Söhnen, Peter und Lars. Ganz am Ende (das Buch beginnt mit dem Kapitel „Krankheit und Tod“) zögert der Autor noch vor einer psychologischen Deutung des Vaters: „Wage ich mich zu weit auf fremdes Terrain vor, wenn ich vermute, dass er bei den Frauen lebenslang Geborgenheit suchte …?“ Aber es hätte dieser Einschränkung nicht bedurft, denn neben der interessanten historischen Erzählung wird dieser „Versuch“ zu einer faszinierenden psychologischen Studie des großen Staatsmannes.

Eines Abends drohte Brandt zu Hause mit Rücktritt

Ein schwieriges Unterfangen, für das der Sohn auch den Blick des geschulten Historikers geschickt nutzt und Parallelen zwischen dem Leben des Vaters und dem seinen aufzeigt: Willy Brandt trat im Januar 1932 der abgesplitterten Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) bei; rund vier Jahrzehnte später (1968) war der Sohn ebenfalls Mitbegründer einer solchen Splittergruppe („Spartacus“, mit „c“, wie er betont) und kam erst 1994 wieder zur SPD zurück.

Einen nur politisch camouflierten Protest gegen den Vater will Peter Brandt dabei (verständlicherweise!) nicht sehen, denn im Ganzen habe ein gutes privates Verhältnis bestanden. Seine Opposition sei gegen den Kurs der Partei und des Parteivorsitzenden gerichtet gewesen; sie war seine Überzeugung, seine politische „Pflicht“. Bis Willy Brandt eines Abends zu Hause sogar mit Rücktritt drohte, wenn Peter seine „Aktivitäten fortführe“. Dieses Kapitel „Jugendradikalisierung“ gibt einen besonders spannenden Rückblick auf damals typische, primär politisch begründete Familienkonflikte, diesmal natürlich besonders interessant am Beispiel der Familie Brandt. Allerdings, was diesen Vater (und Bundeskanzler!) „von vielen anderen, auch manchen Linken, unterschied, war der Respekt gegenüber Standpunkten, die er für falsch hielt …“ So kannten wir ihn alle, „Willy“.

Willy Brandt war – wie der Sohn (dessen Geburtsschein 1948 übrigens noch lautete: Peter Willy Frahm, genannt Brandt) – skandinavisch sozialisiert. Er selbst hatte einmal in einer Biografie Ernst Reuter einen „Liberalsozialisten“ genannt. „Mit anderen Augen“ gesehen erkennen wir einen Willy Brandt wieder, der dieser Charakterisierung selbst entsprach und damit innerlich vermutlich häufig dem damaligen Generalsekretär der FDP Karl-Hermann Flach näher war als etwa Helmut Schmidt. Lars, der zweite Sohn, hatte im „Andenken“ zum Vater bemerkt: „Hätte man diesen Menschen von seinen Widersprüchen befreien wollen, wäre wenig von ihm übrig geblieben.“ Wie klug!

Ein sehr lebensnahes Porträt von Willy Brandt

Seine nachdenkliche Toleranz wurde Willy Brandt von Kritikern oft als Führungsschwäche oder zögerliche Unentschlossenheit angekreidet: Auf den Tisch solle er hauen, so lautete der Rat. Doch das, so die Reaktion des Vaters, „imponiere ja nicht einmal dem Tisch“.

„Mit anderen Augen“ gelingt ein sehr lebensnahes Porträt des neben Konrad Adenauer bedeutendsten Kanzlers der Bundesrepublik. Für uns zum Nachdenken heute: Haben nicht seine „Unentschlossenheit“, sein „Wankelmut“ am Ende eine viel größere Durchsetzungskraft bewiesen, als sie seine Nachfolger auf irgendeinem Gebiet aufweisen? Das Meisterstück „Ostverträge“ war nämlich nicht nur ein Ergebnis aus Weitsicht, Zähigkeit, Mut – sondern eben auch von verständnisvoller Flexibilität für die Interessen der anderen Seite. Nur so gelang es auch damals im gesellschaftlichen Wandel, die Partei auf ein breiteres Fundament zu stellen.

Willy Brandt hatte „seine norwegische Lektion ,Volksverbundenheit’ gelernt“, meint der Sohn, und er wurde „aufgrund seiner Exilerfahrung ein lupenreiner Pragmatiker der kleinen Schritte und Reformer“. Allerdings sieht der Autor hier in der deutschen Sozialdemokratie noch heute ein schwierigeres Unterfangen als in Skandinavien, wo der „Umgang … untereinander … solidarischer, wohlwollender und kameradschaftlicher (ist)“. (Niemand sollte mich nach Beispielen fragen.)

Auch heute muss die SPD wieder auf ein breiteres Fundament gestellt werden, das neben „Gerechtigkeit“ deutlicher und gleichgewichtiger die unternehmerische Herausforderung der Globalisierung stellt. Denn nur mit den Unternehmen können Arbeitsplätze und Selbstbehauptung in der globalisierten Wirtschaft gelingen. Die wichtigsten Berater Willy Brandts 1969 waren nicht Sozialpolitiker, sondern Ökonomen wie Karl Schiller und Unternehmer wie Alex Möller. Sie gewannen dann letztlich diese Wahlen – aus einer Großen Koalition heraus.

Auch die heutige Generation der SPD-Führung sollte Willy Brandt deswegen einmal mit diesen „anderen“ Augen betrachten. Es würde sich für die Partei lohnen.


– Peter Brandt:

Mit anderen Augen. Versuch über den Politiker und Privatmann Willy Brandt. Verlag J.H.W. Dietz, Bonn 2013. 279 Seiten, 24,90 Euro.

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