Kultur : Kanzler oder Katalog

Bernhard Schulz über Festakte,Ausstellungseröffnungen

Als 1971 der 500. Geburtstag Dürers in Nürnberg mit einer Ausstellung gefeiert wurde, gab es einen „Schirmherren des Albrecht-Dürer-Jahres 1971“, den damaligen Bundespräsidenten Heinemann, außerdem ein Kuratorium unter Vorsitz von Bundeskanzler Willy Brandt; einen „Vorbereitenden Ausschuss“ mit 35 Größen des Museumsbetriebs, darunter den Direktoren von Louvre, Uffizien und National Gallery London; und schließlich einen „Arbeitsausschuss“ mit 24 Kunsthistorikern. Heraus kam ein 414 Seiten starker Katalog, dessen Gelehrsamkeit ganz in den Erläuterungen zu den 732 Katalognummern steckt.

Heute gibt es derlei nicht mehr. Die aktuelle Nürnberger Ausstellung „Der frühe Dürer“ kennt keinen Schirmherrn, kein Kuratorium, keinen Kanzler obendrauf. Sie baut auf einem Forschungsprojekt auf, dessen Leiter die Ausstellungskonzeption gleich miterledigt haben. Etwas Glanz war allenfalls beim Festakt zur Ausstellungseröffnung zu bemerken, da sprach der Bundestagspräsident, und auch der bayerische Ministerpräsident durfte nicht fehlen. Im Katalog fehlt jedweder präsidentielle oder auch nur ministerielle Name. Dafür ist er 604 Seiten stark, versammelt die geballte Kompetenz des Forschungsprojekts und erweist seinen 192 Objekten gebührende Aufmerksamkeit.

Nun mag man einwenden, dass 1971 der 500. Geburtstag des Protagonisten zu feiern war, diesmal jedoch kein kalendarischer Anlass vorlag. Dennoch springt der Wegfall staatlicher Würde ins Auge. Man muss sich vergegenwärtigen, dass die Bundesrepublik Deutschland 1971 gerade einmal 22 Jahre alt war. 22 Jahre sind heute, 2012, bereits seit der Wiedervereinigung vergangen – exakt so viele Jahre, wie damals die Gründung beider deutscher Teilstaaten zurücklag.

Was lehrt uns das? Die Bundesrepublik, der nunmehr alleinige deutsche Staat, ist in einer Zivilität angekommen, die vor 41 Jahren noch kaum denkbar schien, so sehr es auch bereits unter der Oberfläche staatlicher Repräsentation brodelte. Die Ausstellung damals, im selben Germanischen Nationalmuseum, unterschied sich im Übrigen nicht so sehr von der heutigen. Auch sie suchte den Ausnahmekünstler Dürer in sein Geflecht künstlerischer Beziehungen einzubinden, so wie heute, wo das Zauberwort „Kontextualisierung“ lautet.

Allerdings kamen 1971 Werke zusammen, die dem Nachfolger von 2012 bitter fehlen. Damals war Dürer noch ein Politikum. Ein Nationalkünstler. Die DDR versuchte 1972 mit Cranach gegenzuhalten und plusterte sich mit der „Cranach-Ehrung der Deutschen Demokratischen Republik“ auf. Glückliche Zeiten, die all das nicht mehr benötigen. Sondern allein ein wissenschaftliches Vorhaben, getragen von der – was für ein Titel! – „Exzellenzinitiative ,Pakt für Forschung und Innovation’ “. Glückliches Nürnberg, du Bürgerstadt – wie schon zu Dürers Zeiten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben