Kultur : Kanzler trifft Künstler: Bis zum letzten Tropfen - Von Wladimir Kaminer

Der Autor wurde 1967 in Moskau geboren. Seit 1990

Die Berliner Projektgesellschaft Triad, die unser Treffen mit dem Bundeskanzler organisierte, lud uns zu einer Vorbesprechung ein. Gute drei Stunden saßen wir am runden Triad-Tisch und versuchten, uns darüber zu verständigen, was wir den Kanzler fragen könnten.

Wie ist es so, ein Kanzler zu sein? Wie konnte es passieren, dass er die 68er-Bewegung verschlief? Hat der Kanzler trotzdem Visionen? Macht er sich Sorgen, dass die jungen Menschen sich immer weniger für Politik interessieren? Außer einer Filmemacherin, die dem Bundeskanzler schon einmal begegnet war, hatte keiner von uns ihn je aus der Nähe gesehen. Immerhin ist Berlin seit Jahren die Hauptstadt, die Regierung sitzt quasi um die Ecke. Mitten im Zoo zu leben, ohne einmal den Elefanten gesehen zu haben, ist einfach blöd.

Unmittelbar nach dem Vorgespräch schleppten meine Kinder vom Kindergarten eine mächtige Grippe nach Hause. Ich hustete und schneuzte, überlegte sogar, das Treffen abzusagen, um den Kanzler nicht anzustecken und die ohnehin labile politische Lage der Regierung noch mehr zu gefährden. Doch versprochen ist versprochen, außerdem wollte ich nicht, dass meine Kollegen auf den Gedanken kämen, ich hätte Schiss bekommen. Also zog ich schicke Klamotten an, versteckte mehrere Taschentücher in den Taschen und stieg in ein Taxi. "Zum Bundeskanzler in das Bundeskanzleramt, bitte." Der Fahrer guckte mich achtungsvoll an und schaute auf die Uhr: "Ein Wunder, dass die dort noch arbeiten".

Vor dem Amt sammelte sich langsam unsere Runde. In der Lobby wurden wir vom Hausmeister in Empfang genommen, der uns durch die Räume führte und lustige Geschichten über das Haus erzählte. Wie jedes Regierungsgebäude ähnelt das Bundeskanzleramt in der Struktur den ägyptischen Pyramiden. Ganz unten ist die Garage, ganz oben sitzt der Bundeskanzler. Auf den zahlreichen Etagen dazwischen haben wir keine Menschenseele entdeckt. Nur leere Konferenzräume und Büros mit durchsichtigen Wänden, damit die Beamten während der Arbeit sehen können, wer was macht. An den Wänden hängen große Bilder mit abstrakter Malerei: Punkte und Linien, rollende Köpfe oder einfach große Farbpfützen. Ein wenig erinnert diese Kanzlerlandschaft an ein verlassenes Raumschiff, noch mehr erinnert es jedoch an ein ganz normales deutsches Amt außerhalb der Sprechzeiten. Der Hausmeister meinte jedoch, dieses Gebäude sei mit geheimen Gängen geradezu gespickt, mit unsichtbaren Räumen, in denen unsichtbare Dienststellen über das Land und die Welt wachen...

In einer Zentrale, die für die Sicherheit der Kommunikation zuständig ist, saß ein gut aussehender Wachmeister, vor ihm an der Wand hing eine Karte von Afghanistan und dazu wichtige Telefonnummern: Taxiruf, Apothekennotdienst, Seelsorge, Feuerwehr... An einer stillen Korridorkreuzung trafen wir einen jungen Mann. Er lief ohne Schuhe in blauen Socken an uns vorbei mit einer Tasse Tee und einem Blatt in der Hand.

Nach einer Stunde Besichtigungstour wurden wir in die Spitze der Pyramide gebracht. In einen Raum, der stark an die Dekorationsattrappen des Möbelgeschäfts "Junges Wohnen" erinnert. Die Bücher in den Regalen sind mit Sorgfalt aneinander gelehnt: Die Memoiren von Egon Krenz und die Märchen der Gebrüder Grimm stehen neben Kunst- und Foto-Alben. Hinter einer Glaswand befindet sich eine große Terrasse. Ganz Berlin kann man von da aus sehen. Die Stadt wirkt fast wie eine Theaterkulisse.

Mitten im Raum stand ein großer gedeckter Tisch. Nur der Kanzler war noch nicht da. "Er ist ein sehr beschäftigter Mensch und muss ständig wichtige Entscheidungen treffen", erklärte uns der Hausmeister. Wahrscheinlich gab es ein kleines Türchen oder eine geheime Treppe: Plötzlich stand der Bundeskanzler mitten im Raum. Wir gaben uns die Hände und gingen zu Tisch. Es gab Tomatensalat, Gulasch mit gekochten Kartoffeln und zum Nachtisch Vanille-Eis. Der Bundeskanzler erzählte von früher und dass die meisten Menschen gar nicht merken, wie viele gute Taten die Regierung vollbringt, weil sie sich immer nur auf die Fehler stürzen. Er sprach darüber, wie schwer es ist, mit einem Land wie Amerika eine einigermaßen vernünftige Außenpolitik zu entwickeln und dass die deutsche Presse völlig aus den Fugen geraten sei, seine Familie und er würden regelrecht verfolgt. Bei dem Umzug neulich in Hannover standen sie zu Hunderten da und wollten jedes Kanzlersofa fotografieren. Als Bundeskanzler hat man überhaupt kein Privatleben mehr, schimpfte er. "Denken Sie nicht manchmal, wo bin ich überhaupt?" fragte eine junge Schriftstellerin. Der Bundeskanzler überlegte kurz. "Manchmal wundere ich mich schon, dass ich es so weit gebracht habe", antwortete er, aß fleißig alles auf und trank den Wein.

"Na, dann wollen wir mal", sagte er und stand auf. Wir gaben uns erneut die Hände, und dann löste sich der Kanzler hinter der Wand auf. Vier Stunden hatte unser Abendessen gedauert. Schlau sind wir daraus nicht geworden. "Bereits letzte Nacht habe ich von diesem Dinner schlecht geträumt," sagte eine Fernsehjournalistin. "Ich träumte, das Bundeskanzleramt wäre von Vampiren bewohnt, die uns bis zum letzten Tropfen das Blut aussaugen."

"Überall leben doch Menschen," beruhigte ich sie. Am Ausgang bekamen wir unsere Ausweise zurück und fuhren nach Hause.

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