Kultur : Kanzler trifft Künstler: Wir sind nicht die neuen Hofnarren

Herr Engelke[wie kam es zu der Einlad],Herr Veiel[wie kam es zu der Einlad]

Diese Woche lud Bundeskanzler Gerhard Schröder 12 jüngere Künstler und Intellektuelle zum Gespräch ins Berliner Kanzleramt, darunter die Filmemacher Esther Gronenborn und Andres Veiel, die Schriftstellerin Judith Hermann, den Schriftsteller Wladimir Kaminer, die Fernsehmoderatorin Sandra Maischberger und Lutz Engelke, Gründer und Geschäftsführer der Projektgesellschaft Triad, die das Treffen organisierte.

Herr Engelke, Herr Veiel, wie kam es zu der Einladung des Kanzlers?

LUTZ ENGELKE: Der Kanzler kam nicht auf uns zu, sondern wir haben unsererseits auf die Geisterstunde reagiert, jenes Treffen von Gerhard Schröder mit 24 Intellektuellen jenseits der 60...

Sie meinen sein Abendessen im November mit Günter Grass, Walter Jens, Christa Wolf, Stefan Heym und anderen.

ENGELKE: Wir ließen ihn wissen, dass es auch jüngere Menschen gibt, die nachdenken und haben ihm einen Brief geschrieben unter dem Titel "Enkel treffen Enkel". Wir wollten klarstellen, dass es tatsächlich Enkel der Generation von Willy Brandt gibt, also Angehörige der so genannten Generation Golf, die auch politische Fragen haben.

VEIEL: Es gibt ja die Schröder-Legende, derzufolge er nachts am Zaun des Kanzleramts rüttelte und rief: Hier will ich rein. Wir sind diejenigen, die an ihm rütteln. Ich habe bei den zahlreichen Diskussionen zu meinem RAF-Film "Black Box BRD" gemerkt, dass es bei den 20- bis 40-Jährigen eine neue Politisierung gibt. Nicht nur einen punktuellen Aufbruch bei den Globalisierungsgegnern von Genua, sondern ein breites Unbehagen.

Der Kanzler lud Sie ein, kurz nachdem er öffentlich mit Peter Schneider diskutierte.

VEIEL: Zwischen uns und Peter Schneider liegen Welten. Wenn Schneider sagt: Ich war 68 kein Demokrat, insofern hat Willy Brandt mich mit dem Radikalenerlass vor mir selbst geschützt, dann ist das in meinen Augen Konvertitentum. Es erschreckt mich, wie da nachträglich mit der eigenen politischen Vergangenheit umgegangen wird. Jetzt wächst eine Generation nach, die politisch auf der Suche ist, aber Schwierigkeiten hat mit der derzeitigen deutschen Politik der Umarmung. Auf jede Kritik an diesem Abend hat Schröder mit der geschliffenen Dialektik des "Ja, aber" reagiert.

Bei welchen Themen war es Ihnen ein besonderes Bedürfnis, an ihm zu rütteln?

VEIEL: Zum Beispiel im Zusammenhang mit dem abgenutzten Begriff der Vision. Schröder verkörpert den Prototyp einer Politik ohne Vision, wenn er Brecht zitiert: Selig das Land, das keine Helden braucht. Auch ich brauche keine Helden, aber ich erwarte von einem Politiker, dass er über das Tagesgeschäft hinausdenkt.

ENGELKE: Es herrschte eine eigenartige Windstille im Kanzleramt. Vom Rest der Welt war da oben nichts zu spüren, und nach fünf Minuten stellte sich die Frage nach dem Menschen hinter dem Kanzler nicht mehr, er wirkte sehr authentisch. Allerdings drängte sich der Eindruck eines Konsens-Kanzlers auf, der alle Widersprüche wie ein Schwamm aufsaugt. Wo Schröder und Schneider sich treffen, entsteht keine Polarisierung und keine Politisierung.

Und das war bei der Begegnung mit Ihnen nicht anders?

ENGELKE: Nein, die Technik des Konsenses hat auch bei uns wunderbar funktioniert.

VEIEL: Schröder sagt, dass Politiker wie Willy Brandt oder Gorbatschow Zeitenwenden mitgestaltet haben; einen ähnlichen Zeitenbruch gebe es derzeit nicht. Da widersprechen wir ihm. Es herrscht keineswegs politische Windstille, angefangen bei der Frage der Sicherheitsdoktrin, die ja nicht nur eine militärische, sondern auch eine soziale und ökologische ist, bis zu der Frage, welche Alternativen es für die Regelung einer Weltwirtschaft gibt, die sich vielleicht doch nicht nur den Prinzipien der Shareholder Values organisieren sollte. Das sind, pathetisch gesprochen, epochale Fragen.

Haben Sie das konkreter diskutiert?

VEIEL: Ja, anhand seines Verhaltens gegenüber dem amerikanischen Präsidenten beim USA-Besuch Ende Januar. Warum hat Schröder mögliche Widersprüche gegen Bushs Politik nicht angesprochen, etwa in Sachen Internationaler Gerichtshof oder beim Umgang mit den Taliban-Gefangenen? Schröder zieht sich auf seine diplomatische Rolle zugunsten des deutsch-amerikanischen Verhältnisses zurück. Aber wird die europäische Vision nicht begraben, wenn in der Höhle des Löwen nicht im Ansatz eigene Positionen riskiert werden?

ENGELKE: Trotzdem war es so, dass wir an diesem langen Tisch im Kanzleramt nicht die eine große politische Frage hatten. Das ist das Problem unserer Generation: Es gibt niemanden, der für sie steht und einsteht. Die Generation Golf fährt längst andere Autos, verschiedene Autos. Es ist eine diffuse Generation, die politische Dokumentarfilme macht, wie Andres Veiel, oder sich der Politik subjektivierend nähert, wie die Schriftstellerin Judith Hermann, oder Happenings organisiert wie Schlingensief, der sich politisch niemals festlegen würde.

VEIEL: Und doch gibt es einen gemeinsamen Nenner, nämlich das aufwühlende Bewusstsein einer heterogenen Gruppe, dass wir sehr wohl in einer Zeitenwende leben. Das war für mich die Überraschung des Abends. Aber diese Beunruhigung wurde von Schröders Airbag gedämpft. Wir haben ihn gefragt, ob er eine politische Vision mitgestalten will, wenn nach den Wahlen im Herbst nicht der Möbelwagen vorfährt. Und wir haben ihm gesagt, wenn er sich auf den Pragmatismus der minimalen Schritte zurückzieht, bricht ihm eine ganze Generation weg. Man sieht es an den Grünen, die kaum noch Nachwuchs haben.

Dass Sie Wir sagen, ist verblüffend. Eine atomisierte Generation sagt plötzlich Wir.

VEIEL: Nicht nur in Deutschland, auch in Italien, Spanien, Großbritannien und selbst den USA waren die Säle nach den Vorführungen von "Black Box BRD" voll mit jungen Leuten.

Nicht mit den Zeitgenossen der RAF-Mitglieder, sondern mit jüngeren. Selbst in Göteborg gab es eine regelrechte Aufbruchstimmung. Dabei wirft mein Film ja einen Blick zurück in die 70er Jahre, die die Jüngeren manchmal romantisieren, weil es damals vermeintlich klare Gegner gab. Dennoch öffnet "Black Box BRD" anscheinend eine Perspektive nach vorne, weil das heutige Gefühl der Wut und Ohnmacht ähnlich ist wie vor 30 Jahren. Im Sinne sage ich Wir.

ENGELKE: Und doch hat unsere Generation ihre gemeinsame Form und Sprache höchstens in der Art, wie sie sich kleidet, und in der Lässigkeit, mit der sie sich an den Tisch des Kanzlers setzt. Aber die Kernfragen sind unterschiedlich, von der Globalisierung bis zu Judith Hermanns Frage nach der "Mondsüchtigkeit" Gerhard Schröders, also der Frage, ob er als Person eigentlich wie ein Fremder auf dem Mond neben seiner politischen Funktion steht. Eigentlich war das Gespräch erschreckend normal.

Wieso erschreckend?

ENGELKE: Weil da ein Bundeskanzler sitzt, der einmal die parlamentarische Linke angeführt hat und mit dem man sich jetzt ganz charmant unterhalten kann. Die Rituale des Protests sind ohnehin obsolet geworden.

VEIEL: Manche Leute sagen, es wäre besser, wenn Edmund Stoiber die Wahl gewänne, weil man sich dann wieder als Opposition formieren könnte. Das ist eine fatale Haltung. Und deshalb wollten wir Schröder warnend ans Schienbein treten.

ENGELKE: Wir wollen nicht ins Kanzleramt. Aber wir schicken Brieftauben dorthin.

Brieftauben sind harmlos. Die kann man wieder wegschicken.

VEIEL: Es gibt zwei Gründe, warum der Abend für mich nicht dem Prinzip gehorchte: Der König empfängt seine Hofnarren. Erstens hat Schröder das Treffen mit uns, anders als das Treffen im November, nicht öffentlich gemacht. Er hat es nicht zur Repräsentation nach außen funktionalisiert. Zweitens war er so neugierig, dass er nicht die geplanten zwei Stunden, sondern dreieinhalb Stunden diskutiert hat, in denen er immerhin nachdenklich wurde und nicht so klang wie bei der Bundespressekonferenz.

Was Teil der Umarmungungstechnik sein könnte. Die sozialdemokratische Macht trifft sich gerne mit dem Geist.

VEIEL: Ich glaube nicht, dass wir uns haben vereinnahmen lassen. Spätestens, wenn es zur Konfrontation kommt, platzt der Airbag.

Man muss ja nicht ins Kanzleramt gehen, um sich politisch zu äußern. Anders als in Frankreich oder Italien ist es für Deutschlands Intellektuelle nicht üblich, sich an Debatten etwa über die Sicherheitspolitik oder die Zuwanderung zu beteiligen. Es sei denn, die von Ihnen kritisierten Älteren melden sich zu Wort, Peter Schneider, Enzensberger, Grass oder Habermas. Warum nicht die Jüngeren?

VEIEL: Die Kriegsgeneration hatte Auschwitz als viel eindeutigeren Referenzpunkt. Diesen Reflex konnte man ja beim Kosovo-Krieg deutlich sehen. Für Fischer war Auschwitz der Grund, warum unbedingt Krieg geführt werden musste, für andere war es der Grund, warum die Deutschen auf keinen Fall Krieg führen dürfen. Dieser Referenzpunkt hat sich für uns nicht erledigt, aber relativiert. Das hat den Vorteil einer größeren Offenheit, aber wir können nicht wie Günter Grass oder Walter Jens mit Theaterdonner auftreten. Wir sind kein Chor. Wenn wir uns artikulieren, dann mit Einzelstimmen. Deshalb sind wir schwerer zu hören, als ambivalente Generation. Wegen dieser tastenden Haltung sind wir nicht Talkshow-tauglich. Weil der Suchende nicht mit schnellen Pointen provoziert.

Kommt nach der Generation Golf die Generation der Langsamkeit?

VEIEL: Jedenfalls eine Generation der Nachdenklichkeit und Ernsthaftigkeit. Ich wünsche mir, dass wir das in genau dieser produktiven Unruhe belassen. Wir wollen unsere Gespräche in jedem Fall fortsetzen. Ohne danach Manifeste zu veröffentlichen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben