Kultur : Kanzleramt: Das erste Haus am Platz

Robert Birnbaum

Der Orang Utan ist Konrad Adenauer ziemlich auf den Nerv gegangen. Die Giraffe auch, und die Elefanten. Man kann sie heute noch sehen, ausgestopft, im Museum Alexander König in Bonn. Jeden Morgen musste der Herr Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland an dem angestaubten Viehzeug vorbei in sein Büro - nein, für die repräsentativen Zwecke eines Kanzleramts hat der wilhelminische Museumsbau selbst in der Trümmerlandschaft von 1949 nicht recht getaugt. Adenauer ließ die Tiere mit Tüchern verhängen, um staatsmännische Atmosphäre zu schaffen. Ein Provisorium war das in der provisorischen Hauptstadt, von der damals noch nicht mal feststand, ob sie es bleiben würde.

Der Alte ist denn auch nach ein paar Monaten umgezogen, schräg gegenüber ins Palais Schaumburg. Es regnete durchs Dach. Aber lieber zwischen Handwerkern regieren als inmitten toter Affen. Ob ein Bau zum Inhalt passt, erweist sich meist erst im Nachhinein. Das neoklassizistische Schlößchen am Rheinufer hat gepasst. Liebevoll nach den Wünschen des ersten Hausherrn renoviert - die natürlich schon damals den Kostenrahmen sprengten -, repräsentiert das Palais die Kanzler- und Kabinettsdemokratie der frühen Jahre. Adenauers Regierungsstil war noch Vorbildern wie dem Fürsten Bismarck geschuldet - schlau, ein bisschen duodezfürstlich, auf ein Küchenkabinett gestützt, das im Wesentlichen aus dem Staatssekretär Hans Globke bestand.

Sitzen bis zum Umfallen

Aus jenen Tagen stammt die Erkenntnis, dass Macht mit Sitzfleisch zu tun hat. Wenn die Minister nicht wollten wie der Kanzler, hat das Kabinett eben noch ein bisschen länger getagt. Nach Mitternacht ist mancher fast im Wortsinn umgefallen.

Nachtsitzungen gibt es heute nicht mehr, Widerspruch im Kabinett ist selten. Beschlussvorlagen gelten ausgesprochen erst dann als "kabinettsreif", wenn jeder interne Zwist ausgeräumt ist. Die Entscheidungen fallen im Vorfeld - was bei Adenauer auch vorkam, aber eben nicht die eiserne Regel war. Aus dem Regieren nach Fürstenart ist Regieren als Verwaltungsakt geworden.

Dies war der Grund dafür, dass Helmut Schmidt 1976 umzog: Das Personal war ständig gewachsen; nicht so sehr, weil die Aufgaben zunahmen, sondern weil sich die Art ihrer Bearbeitung änderte. Schmidt schmähte den funktionalen Flachbau flugs als "Sparkassenzentrale". Für den selbsternannten großen Steuermann hätte es ruhig noch ein bisschen größer und prächtiger sein können.

Das neue Amt war gleichwohl ein Musterhaus. Zwar haben vorher alle über Horst Ehmkes "Spielzeugeisenbahn" gespottet - aber die Ablaufpläne und Organisationsschemata, mit denen der SPD-Kanzleramtsminister die Schloßverwaltung zur modernen Bürokratie umformte, wurden wegweisend. Erst in dem dunkelbraunen Zweckbau kam jenes "Kanzleramt" voll zum Durchbruch, wie wir es heute kennen: Eine Bundesregierung im Märklin-Format.

In Spiegelreferaten verfolgen Kanzleramtsbeamte, was in dem von ihnen "gespiegelten" Ministerium vorgeht. Oft bleibt es nicht beim Spiegeln. Darum sind sich zum Beispiel der Außenminister und der Chef-Außenpolitiker des Kanzlers nie wirklich grün: Das Gerangel, wer die auswärtige Politik macht, hat schon Tradition.

Kungeln um die Macht

Wer die Politik denn nun macht - an der Grundfrage hat all das wenig geändert. Kein Zufall, dass sich für die zentralen Entscheidungen immer wieder informelle Runden bilden, die in Ehmkes Gleisplänen nicht vorkamen. Unter Helmut Kohl wurde die Kungelei sogar institutionalisiert: zur "Koalitionsrunde" der Partei- und Fraktionschefs. Sie pflegte, auch das kein Zufall, im Kanzleramt zu tagen.

Rot-Grün hat die regelmäßige Runde abgeschafft. Aber Krisensitzungen finden immer noch im Kanzleramt statt - bisher im Staatsrat, ab jetzt am Spreeufer. Durch solche symbolischen Akte - nicht wegen seiner 510 Mitarbeiter, nicht wegen seiner 12 000 Quadratmeter bebauter Fläche - wird auch dieses Amt zum Zentrum der Macht werden. Weil er das betonten wollte, hat der Auftraggeber Kohl so großzügig entwerfen lassen. Mehr Nutzfläche als in Bonn hat der Neubau nämlich nicht. Kohl hätte sie auch gar nicht nutzen können. Sein Urlaubskanzleramt am Wolfgangsee kam bis zuletzt mit Faxgerät, Telefon und einer alten Kugelkopf-Schreibmaschine aus.

Dem Nachfolger reicht im Zweifel ein Handy. Und weniger Symbol: Seinethalben, hat Schröder bekanntlich wissen lassen, hätte der Bau eine Nummer kleiner ausfallen können. Dahinter schimmert die Erkenntnis auf, dass ein deutscher Kanzler in der globalisierten Welt des Jahres 2001 selbst mit einem lautstarken "Basta" weniger bewirkt als ein Adenauer in seiner kleinen deutschen Nachkriegswelt mit einem lakonischen Nebensatz. Mit Größe kann man nämlich nicht nur Macht symbolisieren. Sondern auch Ohnmacht.

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