Kultur : Kanzleramt: Der Kanzler und sein Amt

Klaus Harprecht

Nein, es wäre uns nicht so rasch in den Sinn gekommen, Gerhard Schröder mit einem Bild von Caspar David Friedrich zu assoziieren und die Brache vor dem Reichstag mit einer romantischen Landschaft. Doch die Fotografie Konrad R. Müllers erinnert von fernher an Friedrichs "Wanderer über dem Nebelmeer": auch hier kehrt uns eine einsame Gestalt den Rücken zu, und wir vermuten, dass ihr Blick fragend ins Weite gerichtet ist. Der Kanzler schaut zum Reichstag hinüber, der durch den genialen Kuppelaufsatz des Baumeisters Foster nicht völlig von seiner düsteren Schwere erlöst wurde. Man weiß, dass er dem Werk Axel Schultes und Charlotte Franks nur mit verhaltener Sympathie begegnet: kein Ort, an den man allzu gern hingeht. Heißt er es trotzdem gut, dass mit dem Kanzleramt in Berlin architektonisch ein radikaler Anfang gewagt wurde, der dem Parlament verwehrt blieb, wenn auch zwei Nummern zu groß für eine mittlere Macht, die (aus Vernunft, nicht aus Angst vor sich selbst) ihre nationale Souveränität auf Europa überträgt? Streift ihn der Gedanke, dass er nun in der Erbfolge Bismarcks stehe? Oder bleibt er lieber im Schatten Adenauers und Brandts, die sich im beschaulich-bescheidenen Palais Schaumburg nicht unwohl fühlten? Empfindet er seinen Umzug in den Bau, dessen monumentale Wirkung nach außen der opernhaften Bewegtheit des Inneren vielleicht nicht völlig entspricht, als eine historische Zäsur? Als Aufbruch in eine Zukunft, die auch für ihn, den schneidigen Optimisten, einem Nebelfeld gleicht? Unter den Klängen eines Triumphmarsches zieht er nicht ein. Dort droben im siebten Stock könnte der Kanzler einsamer sein, als es ihm (und uns) lieb ist.

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