Kultur : Kanzlererklärer

Gerhard Schröder im Berliner Ensemble

Axel Vornbäumen

Zwanzig Minuten sitzt Gerhard Schröder an diesem Montagabend bereits auf dem blauen Sofa im Berliner Ensemble – und noch immer hat er das rechte Bein über das linke geschlagen. Nun liegt auch noch sein linker Arm auf der Rücklehne. Der Ex-Kanzler, „meinetwegen auch Altkanzler“, öffnet sich gewissermaßen in der denkbar entspanntesten Erzählhaltung seinem Auditorium. Man kommt nicht umhin festzustellen: Donnerwetter, hier ruht aber jemand enorm in sich! Ach was, da hat einer sogar Spaß an seiner neuen Rolle als Kanzlererklärer. Gerade hat er wieder zu einer seiner Lieblingsvokabeln gegriffen: „Vernünftig“, sagt Schröder, sei sein Versuch gewesen, sich für seine Reformpolitik „die Legitimation durchs Volk“ zu holen. Damals war das, im Sommer ’05, die Entscheidung für Neuwahlen.

In der Schröderschen Gebrauchsrhetorik war „vernünftig“ früher irgendwo zwischen „basta“ und „die Kirche im Dorf lassen“ angesiedelt. Gerne hat er das immer dann eingesetzt, wenn er, der Entscheider, mal wieder Schritte zu erklären hatte, die nicht jeder auf Anhieb mitzugehen bereit gewesen war. Hinterher haben es auch nicht immer alle verstanden, aber das war Schröder dann meist egal.

Heute könnte es ihm egal sein. Aber so eitel ist er dann doch, dass er dieser Tage umtriebig als Handlungsreisender in eigener Sache unterwegs ist, um seine Autobiografie „Entscheidungen. Mein Leben in der Politik“ zu präsentieren. Ein wenig, sagt Schröder, und nur ein kleines bisschen schwingt dabei sein Hang zur Selbstironie mit, wolle er schon die „Deutungshoheit“ über seine Amtszeit inne haben. Hat er?

Nun, das hat er – und wo geht das besser als an Abenden wie diesem im BE, an dem ihm Moderator Wolfgang Herles selten dazwischen funkt und nur beim Russlandbild Schröders mal kritisch nachhakt, weil da mit der Pressefreiheit und Tschetschenien und sonst doch so vieles im Argen liege. Es gibt bei solchen Veranstaltungen mit überschaubarem Nachrichtenwert dann immer doch etwas, was noch nicht so bekannt ist. Dass Schröder mit Wladimir Putin mal, rein theoretisch nur, die Möglichkeit eines internationalen Militäreinsatzes für Tschetschenien durchgespielt hat, das ist so eine Neuigkeit. Irgendwann sei man auch auf die Frage nach entsprechenden Truppen gekommen. Schickst Du welche?, habe Putin bedeutet. Da, erzählt Schröder, habe er, Schröder, schnell gesagt: Komm, lass’ uns die Debatte beenden. Im BE ist es sehr still geworden an dieser Stelle. Wahrscheinlich ahnt das Auditorium, dass es in der Bewertung Russlands zu größeren Korrekturarbeiten wohl nicht mehr kommen wird. Schröder sagt: „Es ist meine Position, die werde ich nicht ändern“.

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