Kultur : Kanzlerin über Bord

Carsten Niemann

Eduard Künneke hatte ein hartes Künstlerschicksal. Angetreten als Schöpfer hoffnungsvoller Opernwerke wurde er wider Willen zum letzten Meister der deutschen Vorkriegsoperette. Nach dem Kriege schaufelten provinzielle Plüsch- und Plunder-Inszenierungen diesen Werken ein muffiges Grab. Doch plötzlich greift eine neue Generation zu ollen Partituren wie der 1935 entstandene Kreuzfahrtschmonzette "Herz über Bord". Was macht den jähen Reiz der Lieder, Chansons und Duette aus? Der spielerische Unernst bei handwerklichem Können, ihr effektvoller Eklektizismus, ihre Lust an der Typisierung, oder eine Musik, welche auch noch in der Bearbeitung für Klavier und Violine große Gefühle heraufbeschwört, ohne je die Versicherung zu geben, sie könnten in der Wirklichkeit verankert sein? Wenn das so ist, dann hatten Andreas Bisowski und Heidi Mottl von der Neuköllner Oper recht, die originale Handlung über Bord zu werfen und die Vierecksgeschichte um die zündenden Melodien in die deutsche Wahlkampfwirklichkeit zu übertragen. Bunt, spannend, dramaturgisch einfallsreich inszeniert, mit einer Prise bundesdeutschen Glamours und garantiert folgenlos: Satirischen Biss entwickelt die Geschichte um die Kanzlerkandidatin Lilli Brand nicht, die ihre Umfrageergebnisse durch die Heirat mit dem medientauglicheren Lover ihrer besten Freundin verbessern will. Dafür bleiben die aktuellen Anspielungen zu sehr auf dem Niveau routinierter Politikerschelte hängen - und als Gesellschaftskomödie kann es die Adaption trotz einer zuverlässigen Gagfrequenz nicht mit der lebensnäher und gemeiner beobachteten Satire von Peter Lunds Krötzke-Folgen aufnehmen. Immerhin: Anders als ihre Schaupielerkollegen Kohl und Lafontaine kann Doris Prilop als Lilli Brand wirklich singen und tanzen und Michaela Allendorf als Freundin Gwendolin gelingt es, die Balance zwischen sängerischer Souveränität und schauspielerischer Dauerpräsenz hinzulegen. Auf dem Heimweg liest man, dass Guido Westerwelle auf Teilnahme am Fernsehduell der Kanzlerkandidaten klagen will. Die Konkurrenz schläft eben nicht.

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