Kultur : Kanzlerkandidat der Union: Die K-Frage

Peter Siebenmorgen

Die Strategie, mit der die Union die kommende Bundestagswahl gewinnen will, muss den Vergleich mit den großen und geschichtsträchtigen Kalkülen politisch-militärischer Vorbilder nicht scheuen. Gewissermaßen kann sie für sich sogar beanspruchen, einem der bedeutenden Strategen der Neuzeit zu folgen. Denn gewissermaßen entpuppt sich jetzt, neun Monate vor der Entscheidungsschlacht, der Fahrplan der Unionsparteien zur Bestimmung ihres Kanzlerkandidaten als eine Art Schlieffen-Plan.

Ähnlich wie Alfred Graf von Schlieffen im wilhelminischen Deutschland Generalstabschef, hat sich die Union sehr früh auf eine Strategie festgelegt, ohne die genauen Umstände ihrer späteren Anwendung bereits kennen zu können. Was 1891 gedacht und 1905 bekräftigt wurde, nämlich die Angriffslinien der deutschen Truppen im Falle eines Kriegs in Europa, kam 1914, als es so weit war, zur Anwendung. Die gesamte militärische Planung ließ ein kurzfristiges Umsteuern nicht mehr zu - planvoll führte die Anwendung des Schlieffen-Plans militärisch in die Sackgasse und politisch in den Untergang des deutschen Kaiserreichs. Die Strategie Schlieffens, die von Anfang an einkalkulierte, durch die bewusste Verletzung der Neutralität Belgiens, Großbritannien in den Krieg hineinzuziehen, hatte aber auch fatale politische Festlegungen in der Vorkriegszeit zur Folge: Während das Auswärtige Amt eine Annäherung an das Vereinigte Königreich suchte, konterkarierte die Militärstrategie alle Versuche, zu einem freundschaftlichen Verhältnis zu gelangen.

Ganz am Ende

Ähnlich ergeht es jetzt der Union. 1998, unmittelbar nach der verlorenen Bundestagswahl, hatten Wolfgang Schäuble und Edmund Stoiber, die Vorsitzenden der beiden Unionsparteien, vereinbart, die Frage des Kanzlerkandidaten ganz am Ende der inhaltlichen Erneuerung und Festigung in der Opposition zu entscheiden. Alle Fragen, wer CDU und CSU in die Wahlauseinandersetzung gegen Gerhard Schröder führt, sollten einsilbig zurüchgewiesen werden - bis kurz vor den Wahlgang. Erst im Licht der konkreten Situation sollte diejenige Person als Kanzlerkandidat bestimmt werden, die die voraussichtlich besten Chancen für einen Sieg mit sich bringt. Von dieser Strategie versprach sich die Union überdies die Vermeidung von permanenten Personaldiskussionen. Dieses Kalkül ging auch auf, solange sich die Union daran hielt, einsilbig auf entsprechende Fragen zu antworten. Doch davon kann keine Rede mehr sein. Spätestens seitdem sich das Schweigegelübde zur K-Frage nicht mehr halten lässt, verkehrt sich die Strategie in ihr Gegenteil: Sie schafft nicht Ruhe, sondern Unruhe.

Eine weitere Ähnlichkeit zum Schlieffen-Plan fällt ins Auge. Denn in den Militärplanungen des Reichs waren die österreichischen Truppen als feste Größe an der eigenen Seite eingerechnet. Nur klappte es mit der Kommunikation zwischen den Generalstäben den beiden Kaiserreichen nicht besonders gut. Schlieffen misstraute seinen Verbündeten, weihte sie nicht in seine Pläne ein. Noch am 1. August 1914 klagte der deutsche Militärattaché in Wien an Moltkes Oberquartiermeister, es sei "allerhöchste Zeit (...), dass die beiden Generalstäbe jetzt mit Bezug auf den Aufmarsch, die Termine, Aufmarschräume und genaue Stärken absolut mit offenen Karten spielen". Sonst stehe Schlimmstes für den bevorstehenden Krieg zu befürchten. Denn, so Graf Kageneck weiter: "Alles hatte sich darauf verlassen, dass die beiderseitigen Chefs diese internsten Verabredungen getroffen haben."

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