Kultur : Kanzlerkandidat der Union: Frau des Verfahrens

Peter Siebenmorgen

In das feine Schlosshotel Vierjahreszeiten in Berlin-Grunewald hatte die Bertelsmann-Stiftung zu einer Europa-Diskussion eingeladen, und alle sind sie gekommen - die Spitzen der Regierung und der Opposition. In einer Kaffeepause gesellt sich zu Angela Merkel und Wolfgang Schäuble der saarländische Ministerpräsident Peter Müller, der am Vortag vor Journalisten seine Präferenz für Stoiber in der K-Frage leichtsinnigerweise offenbart hatte und daraufhin von Angela Merkel am Telefon nach allen Regeln der Kunst zurechtgestaucht wurde. "Ich weiß, da habe ich richtig Scheiße gebaut", sagt der Saarländer seiner Parteivorsitzenden kleinlaut und wiederholt das S-Wort drei, vier mal, so dass es auch noch der herannahende Professor Kurt Biedenkopf hören kann. "Ging es etwa um Zuwanderung?", will der sächsische Ministerpräsident von Schäuble wissen. "Eher um Abwanderung", lautet dessen lakonische Antwort. Seit diesen Tagen, Anfang Dezember, gibt es in der Union bei der Diskussion um die K-Frage kein Halten mehr. Und unversehens ist die allmählich eskalierende Auseinandersetzung auch ein Streit um die Führungskraft von Merkel geworden.

Als Erlösung gefeiert

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Wie anders hatte alles angefangen. Im Frühjahr 2000, auf dem Höhepunkt der Parteispenden-Affäre, war sie zur Vorsitzenden gewählt worden, die leidgeprüfte Partei feierte sie als Erlösung. Und im August 1999, von den finanziellen Machenschaften Kohls, die die CDU später in eine tiefe Krise stürzen sollten, war noch nichts zu erahnen, hatte ihr Vorgänger und größter Förderer Schäuble über seine damalige Generalsekretärin gesagt: "Sie hat das Zeug, die erste Frau im Amt des Bundeskanzlers zu werden." Doch seither ist die Zahl ihrer politischen Freunde und Unterstützer kontinuierlich zurückgegangen. Weil sie eine Frau ist? Weil sie aus dem Osten kommt? So lauten jetzt die behutsam zurechtgelegten Erklärungen für ihr Debakel im Wettstreit mit Stoiber. Doch mit der Wirklichkeit hat dies nichts zu tun. Eher schon mit ihrem übersteigerten Machttrieb, der Vertrauen nicht zulässt und Loyalitäten zerstört hat. Und auch damit, dass selbst die ihr verbliebenen Anhänger nicht recht wissen, wofür Merkel eigentlich inhaltlich steht. Kein Thema, keine These verkörpere sie, kann man von der überwältigenden Mehrheit der CDU-Mandatsträger hören. Außer: ich, ich, ich.

Vereinbarte Spielregel, beispielsweise bis zum Vier-Augen-Gespräch sich öffentlich mit Einlassungen zur Kandidatenfrage zurückzuhalten, gelten nur für die anderen. Jeder, der sich geäußert hat, wurde abgewatscht - auch treue Gefolgsleute wie Norbert Lammert, der in dem die Personaldiskussion fast endlos verlängernden Zeitplan keinen Sinn mehr sehen wollte. Sie selbst marschiert mit zitierbaren Stellungnahmen munter durch die Presselandschaft: Immer unverhohlener ihr Machtanspruch, bis sie schließlich am vergangenen Sonntag ihre Bereitschaft offen zum Ausdruck brachte.

Doch dieser Schritt in die Öffentlichkeit war womöglich die entscheidende Wendung zu viel. Denn damit reizte sie Stoiber und die CSU zur Gegenattacke und Festlegung, die die Bayern eigentlich um jeden Preis hatten vermeiden wollen. Für Stoiber gibt es nunmehr keinen Weg zurück - und für Merkel gibt es keinen eleganten Rückzug mehr. Noch will sie weiterkämpfen, gibt noch nicht alles verloren.

Vor der Vorstandsklausur in Magdeburg fürchten manche im Präsidium sogar, sie könne die K- mit der V-Frage, mit der Frage nach dem Parteivorsitz, verbinden. Ob sie das wirklich tun wird, steht dahin. Denn eine Hasadeurin ist sie, darin allen Machiavellisten gleich, nicht. Wenn sie aber, was einige ihrer Gefolgsleute nicht mehr ausschließen, nicht nur die Kontrolle im Machtkampf, sondern auch die über sich selbst verloren haben sollte, werden sie ihr nicht folgen. "Es wäre ein großer Fehler, bei dem ich ihr nicht folgen würde, wenn Angela Merkel in Magdeburg mit ihrem Rücktritt droht", meint eine der letzten ihr treuen Personen aus dem Präsidium. Andere, wie die Bundesvorsitzende der Jungen Union, Hildegard Müller, versichern sich dem Anschein nach bereits ihrer politischen Zukunft für die Zeit nach Merkel. Über ein Anfang Dezember geführtes ausführliches Gespräch mit Stoiber in München heißt es aus der Staatskanzlei, auch Müller habe erklärt, Stoiber eigentlich besser zu finden.

Einfache Logik

So hat sich der Zeitplan von Merkel allmählich gegen sie selbst gewendet. Dabei hatte das lange Warten bis zur Entscheidung, wie verabredet zwischen den beiden Unionsparteien, ursprünglich eine einfache Logik: Erst in der Nähe des Wahltags sollte der gemeinsame Kanzlerkandidat bestimmt werden - im Lichte der konkreten politischen Ausgangslage. Wer dann die besten Chancen hätte, sollte die Union gegen Schröder anführen. Die wenigen objektiven Kriterien, die es hierfür seit längerem gibt, sprechen eindeutig für Stoiber: Der Wahlkampf wird wohl vor allem eine Auseindersetzung um Wirtschaftspolitik und Sicherheit; beide Themen sind dem CSU-Vorsitzenden wie auf den Leib geschnitten. Die Meinungsumfragen, wem man eher den Sieg zutraue, sind ebenfalls eindeutig für den Bayern. Selbst die von Merkel angeheuerten Kommunikationsberater vom "Medien-Tenor" wissen seit langem nichts anderes zu berichten. Nach deren Auswertung lag Stoiber fast das gesamte vergangene Jahr in der Bewertung der Medien mit weitem Abstand vor Merkel; der Versuch, "die Kandidatendiskussion für Themenkommunikation zu nutzen" ist nahezu vollends gescheitert.

Kein Wunder, dass die Berichte des "Medien-Tenors" selbst im Konrad-Adenauer-Haus als Geheimsache erster Güte behandelt werden; an den monatlich stattfindenden Treffen der Parteichefin mit den Kommunikationsberatern darf lediglich Generalsekretär Laurenz Meyer, der Bundesgeschäftsführer, die Pressesprecherin, Merkels Büroleiterin und der zuständige Abteilungleiter in der Parteizentrale beiwohnen - "also nur diejenigen, die so oder so, egal was die Fakten sagen, für Frau Merkel sind", wie einer aus dieser Geheimrunde sarkastisch anmerkt.

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