Kultur : Kanzlerkandidat der Union: Kampfansage

Peter Siebenmorgen

Je mehr sich in den vergangenen Wochen die Entschlossenheit von Edmund Stoiber gefestigt hat, selbst als gemeinsamer -Kanzlerkandidat beider Unionsparteien für die Bundestagswahl am 22. September diesen Jahres anzutreten, desto größer wird in München das Unverständnis über Angela Merkels hohen Einsatz im Kandidatenkrieg: "Warum stilisiert sie ihre eigenen Ambitionen zu einer Frage des politischen Überlebens hoch?", fragt man sich in der Umgebung des bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden: "Denn erst dadurch wird ihre Niederlage doch zu einer Schicksalsfrage für sie selbst."

So fremd der bayerischen Union die CDU-Vorsitzende auch sein mag, so eindeutig man sie auch als Kanzlerkandidatin ablehnt: An einer geschwächten Angela Merkel hat dort niemand vor der Bundestagswahl ein Interesse. Auch dies war bislang ein Grund dafür, warum sich Stoiber selbst im Kandidatengerangel im Hintergrund gehalten hat. Doch langsam schwindet die Hoffnung dahin, dass Merkel aus eigener Einsicht und eigener Kraft den Rückzug mit Gesichtswahrung noch schafft. Wenn sie also den offenen Kampf haben will, dann wird sie ihn - wohl oder übel - bekommen. So emotionslos sieht man das in München.

Die direkte Konfrontation hatte Stoiber bislang auch noch aus einem anderen Grund gemieden. Denn sollte es hart auf hart kommen und der Unions-Kanzlerkandidat durch Kampfabstimmung - in welchem Gremium auch immer - bestimmt werden, dann würde dies zu einer Polarisierung führen; wenige Monate vor der Bundestagswahl bräuchte man aber eigentlich das genaue Gegenteil: Geschlossenheit. Stoiber weiß, dass auf seiner Kandidatur kein Segen ruht, wenn er nicht auf die Unterstützung der gesamten CDU bauen kann. Doch diese harmonische Geschlossenheit wird es einstweilen nicht geben: weder für Stoiber, noch für Merkel. Umso schamloser findet man es in den Führungskreisen der CSU, wie Angela Merkel kalt darauf setzt, dass sich ihr Rivale von einer kleinen Stoiber-skeptischen Minderheit in der CDU in Schach halten lässt. Nun, da sich der Wettstreit zwischen den beiden Unions-Vorsitzenden dem Ende zuneigt, schlägt Merkels Kalkül ins Gegenteil um: Denn von einer Minderheit der CDU will sich die CSU nicht erpressen lassen.

In dieser Stimmungslage treffen sich nun in den nächsten Tagen die CSU-Landesgruppen vom 7. bis 9. in Kreuth und der Bundesvorstand der CDU am 11. und 12. in Magdeburg zu Klausurtagungen. Auf keiner der beiden Sitzungen steht die Kanzlerkandidatenfrage auf der Tagesordnung. Dennoch wird es kaum ein anderes Thema geben, das die Treffen stärker insgeheim beherrschen wird. Bei der CSU-Landesgruppe wird es wahrscheinlich etwas zurückhaltender gespielt werden. Denn noch ist Edmund Stoiber gewillt, Rücksicht auf Angela Merkel zu nehmen und ihr den freiwilligen Rückzug zu lassen. Das Signal von Kreuth wird wohl eher in verhaltener Weise den Druck erhöhen.

Anderes ist in Magdeburg zu erwarten. Denn vor der Vorstandsklausur tagt das CDU-Präsidium, in dem einige Mitglieder wild entschlossen sind, die Kandidatenfrage zu thematisieren. "Wenn sie es nicht von selbst einsieht, dann wird man ihr wohl in einer offenherzigen Diskussion zeigen müssen", so formuliert es ein Präsidiumsmitglied, "dass der Rückhalt in der eigenen Führung für ihre Kandidatur mehrheitlich nicht da ist. Die meisten wollen mit Stoiber ins Rennen ziehen." Die Anzeichen für eine heikle Sitzung sind auch in anderer Hinsicht bemerkenswert. Denn der taktisch versierte hessische Ministerpräsident Roland Koch wird seinen Urlaub nicht unterbrechen und fehlen. So wie vor zwei Jahren bei der im Zeichen der Parteispenden-Affäre abgehaltenen Krisenklausur in Neumünster oder im Sommer 2000 beim Bundesratsdebakel der Union wegen der rot-grünen Steuerreform.

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