Kultur : Kanzlerkandidat der Union: Wer fordert Gerhard Schröder heraus?

Stephan-Andreas<p>Casdorff

Könnte sein, dass Edmund Stoiber sich im Nachhinein noch mehr ärgert. Als er jetzt in aller Öffentlichkeit auf die neue Kandidaten-Diskussion der CDU angesprochen wurde, war er blass im Gesicht und sprach deutlich beherrscht davon, dass es eine faire Absprache gebe mit Angela Merkel über den rechten Zeitpunkt. Daran halte er fest. Aber so, wie Stoiber seine Fairness betonte, klang es vorwurfsvoll.

Er hätte ja auch schon alles klar machen können. Bevor Stoiber seine Rede auf dem CDU-Parteitag in Dresden hielt, hatte er vorher seine Herolde verkünden lassen, dass sie nicht den Eindruck einer Bewerbungsrede hinterlassen werde. Das Präsidium der "großen Schwester" hatte es auch dankbar zur Kenntnis genommen. Wolfgang Schäuble, der mit Stoiber ursprünglich den Zeitplan zur Kandidatenkür abgesprochen hatte, weiß, wie und was man bei Delegierten mit Worten erreichen kann. Er sagte nach der Sitzung voraus, wie Stoiber sich den Christdemokraten präsentieren werde: untertourig. Es sei denn, es ginge mit dem Heißsporn durch; aber das sagte Schäuble aus Gründen der Geschlossenheit wahrscheinlich lieber nicht so offen.

Gesagt, getan - und dennoch hielt der Applaus für Stoiber länger als bei Angela Merkel an. Die Botschaft war also trotzdem angekommen, die von Stoiber im Plenum und dessen Reaktion bei den Beobachtern. Nur erscheint die Wirkung dem CSU-Vorsitzenden und Bayern-Regenten jetzt offenkundig nicht mehr nachhaltig genug. Immerhin waren gerade wieder Stoibers Herolde unterwegs, ist zu hören. Sie hätten gefragt, ob denn seine Rede nicht gehört und gelesen worden sei. Darin habe er doch klar zum Ausdruck gebracht, was alle wissen wollen, aber nicht gegen ihn oder Merkel verwenden sollen: Dass er bereit ist, sich "in den Dienst der gemeinsamen Sache" zu stellen.

Unbedingter Wille

Wer die Worte liest, die Stoiber sagen sollte, dem fällt auf, dass darin wirklich alles enthalten ist. Die ganze Wahlkampfführung wird aufgeblättert. Er verbindet Werte und Traditionen mit sozialem Anspruch: "Solidarität mit den Schwachen, aber Einforderung von mehr Eigenverantwortung bei den Starken, weil nur so Leistungsgerechtigkeit und soziale Stabilität gesichert werden können." Er verknüpft das Thema Arbeitsmarkt mit dem der Nation, des geläuterten Patriotismus und der geregelten Zuwanderung. Er verlangt Siegeszuversicht und "unbedingten Willen", Selbstvertrauen und Geschlossenheit für den gemeinsamen "Aufbruch". Das alles ist zu lesen - und von seinen Interpreten unter den veränderten Bedingungen noch einmal als Bedingung für sein Antreten als Kanzlerkandidat zu hören.

In der CDU-Führung hat Stoiber eine Mehrheit, weil er der Kandidat ist, von dem sie glauben, er könne die Union wieder zur stärksten Fraktion im Bundestag machen. Was für die gedemütigte CDU wie ein Sieg wäre. Der Präside Peter Müller, Saar-Ministerpräsident und Experte für die Zuwanderungsfrage, beginnt, sich mit seinem bayerischen Kollegen zu arrangieren - nachdem Stoiber seinerseits begonnen hat, seinen strikten Kurs vorsichtig zu korrigieren. Hessens Regierungs- und CDU-Chef Roland Koch kann seine Hessen nur noch deshalb zurückhalten, weil die stets diszipliniert der Führung folgen; und die will noch kein Votum für Stoiber.

Keine Freunde gemacht

Was Jürgen Rüttgers, der rheinische CDU-Bundesvize, denkt, hat Wolfgang Bosbach, der rheinische Fraktions-Vize, gesagt: Auch wer es gut meint mit Merkel, kann für Stoiber sein. Dass Kollege Volker Rühe eher mit Stoiber als mit Merkel kann, ist kein Geheimnis. Ob Kollegin Annette Schavan, die mit Merkel besonders gut kann, wirklich noch ganz so fest in ihrer Meinung ist, wird inzwischen im Kreis der Führung auch in Frage gestellt. Hinzu kommt, dass sich die Parteichefin mit ihrer Art der Pressepolitik keine Freunde gemacht hat. Von den Männern glaubt niemand mehr, dass die Indiskretionen aus vertraulichen Gesprächen nur von anderen, nie von ihr stammen sollen. Oder auch nicht aus ihrem Umfeld, dem "Girlscamp". Vertrauensvoll ist die Stimmung im Blick auf Merkel in den Spitzengremien der CDU in jedem Fall nicht mehr.

Parallel dazu mehren sich in der CSU-Führung die Stimmen, die es inzwischen als rufschädigender und gefährlicher für Stoiber bezeichnen, wenn er die Mehrheitsmeinung in der Union nicht aufnähme. Monika Hohlmeier und Horst Seehofer gehören zu denen, beide Stellvertreter im Parteivorsitz, außerdem Michael Glos, der seine Berliner Landesgruppe in dieser Frage hinter sich weiß. Sollte Stoiber nicht mehr zaudern, sind die Christsozialen jederzeit zum Kampf bereit. Und wenn jetzt in der gemeinsamen Bundestagsfraktion entschieden werden sollte - Angela Merkel wäre nicht die Siegerin. Heute tagt die Fraktion übrigens.

0 Kommentare

Neuester Kommentar